Das Bauchgefühl reicht nicht mehr aus

Reeder kämpfen gegen viele Gefahren. Ihr Instinkt allein kann sie nichtretten. Jetzt greifen sie zu ausgeklügeltem Risikomanagement

Patrick Hagen

Erfolgreiche Unternehmer sind oft stolz auf ihren guten Instinkt. Das gilt gerade in der extrem zyklisch verlaufenden Schifffahrt. Zum richtigen Zeitpunkt Schiffe zu verkaufen oder neue zu bestellen kann einem Reeder schnell Millionengewinne einbringen. Und Manager haben die Möglichkeit, guten Instinkt unter Beweis zu stellen.

Trotz ihres eigentlich verlässlichen Bauchgefühls gerieten viele Eigner in der jüngsten Krise in schweres Wasser. Jetzt wollen Schifffahrtsunternehmer ihre Entscheidungen auf eine solidere Basis stellen. „Die Wahrnehmung der Reeder hat sich geändert“, sagt Martin Moryson, stellvertretender Leiter der Abteilung Financial Markets Advisory bei der Landesbank HSH Nordbank. Der weltgrößte Schiffsfinanzierer bietet seinen Kunden neuerdings komplette Risikomanagementlösungen an. Moryson beobachtet eine steigende Nachfrage. In der Vergangenheit hatte das Thema Risikoabsicherung keinen besonders hohen Stellenwert bei Reedern.

Dabei waren die Gefahren, die dem Geschäft der Schiffseigner begegnen können, schon immer vielfältig. Steigen Zinsen stark, verteuern sich Kredite unerwartet. Ein in die Höhe schnellender Ölpreis kann die Kosten für den Schiffsdiesel oder Schmierstoffe überraschend stark anwachsen lassen. Die Einnahmen aus Fracht- oder Charterraten befinden sich in einem ständigem Auf und Ab. Ein weiteres Risiko sind Wechselkurse. Die Schifffahrt lebt in der Dollar-Welt, Änderungen im Wert der Währung können Reeder viel Geld kosten.

HSH-Risikoberater Moryson hat für die Reederei Hartmann aus dem ostfriesischen Leer in einem Pilotprojekt ein umfassendes Risikomanagementsystem entwickelt. Dafür ließ er sich von der Versicherungswirtschaft und ihrem Umgang mit Gefahren inspirieren. „Versicherer müssen sicherstellen, dass sie ihre Verpflichtungen gegenüber Kunden in der Zukunft erfüllen können, egal wie die Märkte sich verhalten“, sagt Moryson. „Wir haben diesen Ansatz auf die Schifffahrt übertragen.“

Moryson hat zunächst alle Risiken identifiziert, denen die Reederei Hartmann ausgesetzt ist. Dann hat er 1000 Modelle mit variierenden Entwicklungen bei Einkommen, Zinsen, Wechselkursen und anderen Werten durchgerechnet. Die Szenarien basieren auf den Unternehmensdaten von Hartmann. Aus jedem Modell lässt sich eine monatliche Bilanz erstellen. „Wir können den Cashflow genauso wie den Gewinn für jedes Szenario über die nächsten zehn Jahre darstellen“, sagt Moryson. Der Reeder erfährt, wie sein Unternehmen unter verschiedensten wirtschaftlichen Bedingungen abschneidet. „Wir können zum Beispiel sehen, welche Folgen es für unser Geschäft hat, wenn die Zinsen um zwei Prozentpunkte steigen“, sagt Michael Hoppe, Finanzchef der Reederei Hartmann.

Informationen preisgebenFür Hoppe ist entscheidend, dass die Modelle auf den Daten des Unternehmens beruhen. „Projektionen verlieren ihren Wert, wenn sie nicht auf den eigenen Daten basieren“, sagt er. „Wir können genau sehen, wieweit etwa die Zinsen steigen dürfen, damit wir noch Gewinn machen.“ Reeder Hartmann zog den Schluss aus den Ergebnissen, dass ihm das Zinsrisiko zu groß ist. Das Unternehmen hat sich deshalb verstärkt gegen steigende Zinsen abgesichert. „Wir sind nicht bereit, Kapitalmarktrisiken zu tragen, dafür gibt es Banken“, sagt Hoppe. Durch die Absicherung hat sich das Risiko aus Zinssteigerungen um einen zweistelligen Millionenbetrag verringert.

Der Kauf von Finanzprodukten zum Schutz vor steigenden Zinsen oder Ölpreisen ist nicht die einzige Möglichkeit für Reeder, Risiken zu reduzieren. „Eine diversifizierte Flotte hilft, Marktzyklen auszugleichen“, sagt HSH-Berater Moryson. Die Märkte für Containerschiffe, Tanker oder Massengutfrachter, sogenannte Bulker, verlaufen nicht parallel in ihren Auf- und Abschwüngen. Das zeigten die jüngsten Turbulenzen. Während die Containerschifffahrt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte steckte, konnten Bulker und Tanker noch gut verdienen. Sie rutschten dafür ins Tal, als es den Containerfrachtern wieder besser ging.

Schifffahrtsunternehmen, die auf mehrere Schiffstypen setzen, haben deshalb einen Vorteil, sagt Moryson. Die Analyse hat der Reederei Hartmann aber nicht die unternehmerischen Entscheidungen abgenommen. „Wir geben unseren Kunden keine Anweisungen, was sie tun sollen. Wir sagen nur, unter Risikogesichtspunkten wäre es besser, dieses Schiff zu verkaufen und dafür ein anderes zu kaufen“, sagt Moryson. Der Ansatz deckt allerdings nicht alle möglichen Gefahren ab. Die Möglichkeit zum Beispiel, dass ein Unternehmen nicht genügend geeignetes Personal findet, bleibt außen vor.

Auch ein weiteres Problem gibt es: Damit die Ergebnisse für den Reeder wirklich aussagekräftig sind, muss er sehr viele Informationen über sich und sein Geschäftsmodell preisgeben. Das ist etwas, was die verschwiegenen vornehmen Hamburger oder Bremer Schiffseigner nicht gerne tun.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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