Der Konfrontationstherapeut

Kopf des Tages Frank Ulrich MontgomeryDer Radiologe ist neuer Präsident derBundesärztekammer. An Visionen jenseits der publikumswirksamen Inszenierungmangelt es ihm allerdings

Anja Krüger , Köln

Auf den ersten Blick garantiert schon die politische Farbenlehre, dass das Verhältnis zwischen Bundesregierung und Ärzten künftig nicht entspannter wird. „Wir müssen unsere Präsenz im politischen Raum stärken und die Taktung unserer Entscheidungen erhöhen“, sagt Frank Ulrich Montgomery am Donnerstag, dem Tag seiner Wahl an die Spitze der Bundesärztekammer. Als Sozialdemokrat ist der Radiologe ein Exot unter den Funktionären seines Berufsstands.

Die kämpferische Haltung des Radiologen aber reicht über die offensichtlichen Gegensätze zu Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hinaus. Der 59-Jährige ist eine Mischung aus krawalligem Gewerkschaftsfunktionär und besonnenem Experten, ein ausgefuchster, konflikterprobter Lobbyist. Seine Wahl verspricht ein deutlich härteres Ringen zwischen Politik und Medizinern als in den Jahrzehnten zuvor.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern Jörg-Dietrich Hoppe – kein Mann des schnellen Wortes – und Karsten Vilmar – ein Mann schneller Worte wie „sozialverträgliches Frühableben“ – weiß sich Montgomery in den Medien geschmeidig zu bewegen, ist in Talkshows zu Hause. Mit flinker, scharfer Zunge äußert er sich zu Schweinegrippe und Ehec genauso wie zu Ärzteeinkommen oder Marathondiensten im Krankenhaus. Im persönlichen Gespräch nett und verbindlich, kann er jederzeit verbal aufrüsten. „Sklavenaufstand“ nannte er die Streiks der Krankenhausärzte für bessere Arbeitsbedingungen, die Einführung des neuen Vergütungssystems für Kliniken einen „gigantischen Menschenversuch“.

In der Ärzteschaft ist Montgomery keineswegs unumstritten, am Donnerstag erhielt er gerade 128 von 249 Stimmen. Viele lasten dem Mann mit dem Schnauzbart und der feinen englischen Art seine Eitelkeit an. 2002 musste er deswegen nach acht Jahren seinen Posten an der Spitze der Hamburger Ärztekammer vorübergehend räumen. Vor zwölf Jahren, als es um die Nachfolge Vilmars als Ärztepräsident ging, konnte er sich vor allem deshalb nicht gegen den Pathologen Hoppe durchsetzen.

Anders als der 70-jährige leise Rheinländer polarisiert Montgomery gern. Von 1989 bis 2007 war er Vorsitzender des Marburger Bundes, der Gewerkschaft der Klinikärzte. Er baute die Organisation zu einer schlagkräftigen Vereinigung aus. Der Sohn eines britischen Offiziers und einer deutschen Hausärztin führte die Organisation aus der Tarifgemeinschaft mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi – obwohl er zunächst strikt dagegen war. „Monty“, wie Ärzte ihn gern nennen, beugte sich und erkämpfte gute Tarifabschlüsse. Zurückweichen liegt ihm nicht, wenn es hart auf hart kommt, setzt der Oberarzt am Uniklinikum Eppendorf auf Eskalation. Seine Erfahrungen als Gewerkschaftschef will er in sein neues Amt einfließen lassen. Auch als Ärztepräsident sieht er eine seiner Hauptaufgaben im Kampf für mehr Geld.

Mehrheitsfähig wurde Montgomery, der in Hamburg und London aufgewachsen ist, nachdem er auch die niedergelassenen Mediziner für sich gewinnen konnte. Deshalb hat er 2007 den Posten als Chef des Marburger Bundes aufgegeben und die Nähe zu den Kollegen in den Praxen gesucht.

Er weiß sich hochprofessionell zu inszenieren. Auf seiner Homepage stellt er sich auf acht Fotos in Pose – für die Presse zur honorarfreien Verwendung. Da ist er der kämpferische Gewerkschaftsfunktionär, der kompetente Redner, der besonnene Zuhörer und der Staatstragende in der Nähe der Macht. Dort beantwortet er auch zehn Fragen zu seiner Kandidatur als Ärztepräsident, die er sich selbst stellt. Er bleibt im Klein-Klein zwischen Gebührenordnung für Ärzte, Schnittstelle ambulant/stationär, Fortbildung. Eines steht fest: Sein Parteifreund Helmut Schmidt würde ihn nicht zum Arzt schicken. Denn Visionen hat Montgomery nicht.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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