DKV verkauft keine Billigpolicen mehr

Krankenversicherer konzentriert sich auf das höherpreisige Segment //Vorstandschef Muth fürchtet Imageschaden für Branche

Ilse Schlingensiepen , Köln

Die Deutsche Krankenversicherung (DKV) stellt zum Jahresende den Verkauf von günstigen Einsteigertarifen in der privaten Krankenversicherung (PKV) ein. Die DKV, die zur Ergo-Gruppe der Munich Re gehört, zieht mit dem Schritt die Konsequenz aus der Erfahrung, dass Billigtarife Kundengruppen anlocken, die ihrer Ansicht nach nicht in die PKV gehören. „Wir schärfen unser Profil in Richtung Komfort- und Premiumtarife“, sagte DKV-Chef Clemens Muth der FTD.

In der Branche erfreuen sich seit einigen Jahren Tarife mit einem abgespeckten Leistungsniveau und vergleichsweise günstigen Prämien großer Beliebtheit. Sie liegen gerade für jüngere Leute deutlich unter den Beiträgen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und sind deshalb für Gruppen wie Selbstständige mit geringem Einkommen attraktiv, die sich nicht in der GKV versichern müssen. Einige PKV-Anbieter generieren viel Neugeschäft in diesem Segment.

Die Billigtarife haben dazu beigetragen, dass Vertriebe höhere Provisionssätze durchsetzen konnten. Die Strategie der Gesellschaften, mit Billigangeboten neue Kunden zu suchen, hatte nämlich zunächst wegen der niedrigeren Beiträge zur Provisionsminderung geführt. Die Provisionen werden in Monatsbeiträgen berechnet. Allerdings ist vielen Versicherten nicht klar, wie eingeschränkt der Leistungsumfang bei Billigpolicen ist.

Die DKV ist vorsichtig in das Billigsegment eingestiegen. „Unsere Hoffnung war, dass die Kunden nach dem Einstieg in die PKV nach einiger Zeit in höherwertige Tarife wechseln“, sagte Muth. Das hätten aber weniger Versicherte getan als erwartet.

Der Grund: Es interessieren sich vor allem Menschen mit einem niedrigen Einkommen für solche Tarife, die Versicherungsbeiträge sparen wollen. Im billigsten Einsteigertarif der DKV müssen 30-jährige Männer beim Neuabschluss gerade einmal 125,84 Euro im Monat bezahlen, bei Frauen sind es 121,41 Euro. „Häufig sind diesen Kunden nach einer Zeit selbst die Einsteigertarife zu teuer, sie wollen noch günstigere Angebote“, sagte Muth. Diesen Versicherten sei manchmal nicht vollständig bewusst, welche Konsequenzen der geringere Deckungsumfang der günstigeren Angebote hat: Bestimmte Leistungen sind nicht oder nur eingeschränkt versichert. „Das haben wir teilweise auch bei Kundenbefragungen gemerkt.“

Deshalb will die DKV zum 1. Dezember den Verkauf der Billigpolicen einstellen. „Wir konzentrieren uns wieder auf die Kernzielgruppen der PKV“, sagte der DKV-Chef. Die Vertriebspartner des Versicherers sind entsprechend informiert worden. „Wir machen den Vertrieben deutlich, dass für manche Versicherte die Ergänzungstarife besser geeignet sind.“

In den Billigtarifen hat die DKV knapp 60 000 Versicherte im Bestand. Insgesamt hatten Ende 2010 mehr als 911 000 Personen eine Vollversicherung bei dem Kölner Versicherer. „Wir haben begriffen, dass der Weg über den günstigen Preis in der PKV nicht der richtige ist“, sagte Muth. Er hält in der Branche eine Debatte über den Mindestleistungsumfang einer privaten Versicherung für notwendig. „Manchmal muss man als Marktführer vorangehen“, sagte er. Jetzt wartet er ab, wie die Wettbewerber auf den Vorstoß reagieren werden. „Privatversicherung sollte wieder das sein, wofür der Name gesellschaftlich steht.“

Auch andere Unternehmen halten Billigangebote für eine gefährliche Strategie, die zwar kurzfristig Geschäft bringt, dem Ansehen aber langfristig schadet. In der privaten Krankenversicherung wissen viele Anbieter, dass sich die Branche gerade auch gegenüber der Politik angreifbar macht, wenn sie mit Vollversicherungstarifen hinter das Angebot der gesetzlichen Krankenkassen zurückfällt. Gerade der Ausschluss der ambulanten Psychotherapie bei manchen Angeboten hat das Bundesgesundheitsministerium und die Finanzaufsicht schon hellhörig gemacht.

Der private Krankenversicherungsschutz müsse im Bereich des medizinisch Notwendigen immer mehr als die GKV bieten, sagte Volker Leienbach, Direktor des PKV-Verbands. „PKV steht nicht für Miniversorgung.“ Allerdings gebe es auch den Grundsatz der Wahlfreiheit. „Sie setzt aufgeklärte Versicherte voraus und Unternehmen, die nichts anbieten, was unter dem GKV-Niveau liegt.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit