Fort mit der Skandalnudel

Munich Re muss sich von Ergo trennen. Die aktuelle Krise ist nicht der Grund,aber ein guter Anlass

Herbert Fromme

Munich Re, immerhin der größte Rückversicherer der Welt, befindet sich in einer prekären Lage. Immer neue Enthüllungen über rabiate Verkaufspraktiken bei der Tochter Ergo kommen ans Licht. Und über die unappetitlichen Formen der Vertreterbelohnung mit Prostituierten in Budapest lacht die ganze Welt.

Der Konzern braucht dringend eine Exit-Strategie für sein unglückliches Engagement bei dem Düsseldorfer Versicherer. Die Negativschlagzeilen sind nicht der einzige Grund dafür. Auch ohne Sexaffären und Vertriebsskandale wäre die Trennung vernünftig. Aber sie könnten es Konzernchef Nikolaus von Bomhard und seinen Kollegen vielleicht einfacher machen, über den Schnitt nachzudenken.

Munich Re ist in erster Linie Versicherer der Versicherer, also ein Großhändler des Risikoschutzes. Der Manager in Frankreich oder den USA, der den Einkauf von Rückversicherung für sein Unternehmen verantwortet, weiß genau, dass es einen Unterschied gibt zwischen der mächtigen Munich Re in München und ihrer Tochter Ergo in Düsseldorf. Aber dennoch machen sich viele Kunden so ihre Gedanken – vor allem darüber, warum Munich Re die Ergo nicht in den Griff bekommt.

Der Versicherer hat inzwischen Strafanzeige wegen versuchter Erpressung gestellt. Er sieht sich als Opfer einer Kampagne, mit der frühere Vertreter des eigenen Vertriebs HMI sowie einige ihrer Berater Millionensummen an Abfindungen und anderen Ansprüchen durchsetzen wollen. Das mag in Teilen stimmen – ändert aber nichts daran, dass fast alle bislang erhobenen Vorwürfe und Enthüllungen sich als zutreffend herausgestellt haben und Munich Re und Ergo mehr als einmal mit ihren Reaktionen ziemlich schlecht aussahen.

Widersprüche stehen schon am Beginn des Konstrukts. Seit 1997 kontrolliert Munich Re die Ergo-Gruppe. Sie hatte den Konzern kapital- und steuersparend in einer Reihe von Tauschaktionen und Zukäufen gebildet. Doch dabei spannte sie sehr gegensätzliche Unternehmen zusammen – die Hamburg-Mannheimer in Hamburg, die aggressiv im Vertrieb war, und die eher vornehme Victoria in Düsseldorf.

2010 änderte Ergo Markenauftritt und Struktur. Der Konzern legte die Victoria Lebensversicherung nach hohen Verlusten mit Kapitalanlagen still, die meisten übrigen Gesellschaften wurden unter der Marke Ergo gebündelt. Mit einer teuren Werbestrategie („Klartext statt Klauseln“) versuchte Ergo gleichzeitig, sich als Neuerfindung der Versicherung in Deutschland zu verkaufen. Das ist aus heutiger Sicht gründlich misslungen.

Es stellt sich heraus, dass an der alten Küchenweisheit der Assekuranz, „Rückversicherer können keine Erstversicherung“, etwas dran ist. Munich Re hat auch nach 15 Jahren keine Konzernstruktur, die die Gewichte in der Gruppe ordentlich widerspiegelt. Immer noch ist der Rückversicherer die Obergesellschaft, Ergo eine von mehreren Töchtern. Ihr Chef Torsten Oletzky verantwortet fast die Hälfte des Umsatzes, ist aber nicht im Vorstand der Obergesellschaft vertreten. Jeder Abteilungsleiter in München glaubt, er könne bei Ergo reinregieren oder Informationen abgreifen.

Die vornehmen Rückversicherer aus der Abteilung Hochfinanz sind meilenweit von den rauen Vertriebsstrukturen einer HMI entfernt, die aktuell für Ärger sorgen. Dass man ein Unternehmen wie Ergo so nicht erfolgreich führen kann, zeigt sich auch in dessen mäßigen Gewinnen.

Dazu kommt: Ergo ist direkter Konkurrent der Kunden der Munich Re. Schon die Werbekampagne vergangenes Jahr hat die Munich-Re-Kundschaft empört. Jetzt herrscht blankes Entsetzen darüber, wie die Ergo-Skandale die gesamte Branche in den Schmutz ziehen.

Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard will Ergo auf keinen Fall verkaufen. Er sieht nur Vorteile in der Konstruktion. Wenn Munich Re wie im laufenden Jahr hohe Schäden durch Naturkatastrophen erleidet, soll Ergo mit den stetigen Einnahmen aus der Lebensversicherung den Ausgleich schaffen.

Das Argument lässt sich nicht halten. Von den schweren Krisen der Kapitalmärkte 2001 bis 2003 sowie von 2008 bis heute sind beide Konzernteile hübsch im Gleichschritt betroffen. Zerstört ein Großschaden deutsche Wohnhäuser oder Industrieanlagen, müssen Ergo und Munich Re zahlen. Ein Rückversicherer kann anders diversifizieren als durch den Besitz eines Erstversicherers vom Schlage Ergos.

Nach Ansicht von Bomhards ist es auch positiv, dass die heutige Konstruktion aus Rück- und Erstversicherer Milliarden an Eigenkapital spart. Das stimmt. Die Frage ist, ob das den Nachteil wettmacht, für jedes Problem der Ergo so wie heute in Haftung genommen zu werden.

Böswillige Menschen behaupten, Munich Re wolle Ergo deshalb nicht abgeben, weil die Gruppe dann möglicherweise nicht mehr größter Rückversicherer der Welt sei. Für diese Statistik hilft nämlich das gruppeninterne Geschäft kräftig mit. Das aber streitet von Bomhard ab. Größe allein, betont er immer wieder, ist kein Wert.

Natürlich würde Munich Re aktuell nur schwer einen Käufer für Ergo finden. Aufräumen müssen die Münchner schon selbst. Aber dann sollte eine Exit-Strategie parat sein. Ob das der Gesamtverkauf oder ein Börsengang ist, spielt keine Rolle. Kommt die Trennung nicht, leidet über kurz oder lang der Wert des Gesamtkonzerns. Der aktuelle Skandal ist auch ein Warnschuss.

E-Mail fromme.herbert@guj.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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