Munich Re will bei Ergo aufräumen

Konzern verspricht direkte Beteiligung an der Aufklärung der Skandale //Strafanzeige gestellt

Herbert Fromme , Köln

Der Rückversicherer Munich Re will sich jetzt selbst um die Aufklärung der Skandale bei der Düsseldorfer Tochter Ergo kümmern. „Das ist ein gravierender Fehler“, sagte Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard am vergangenen Freitag zu Riester-Anträgen mit falschen Kostensätzen. Darüber hatte das „Handelsblatt“ am Donnerstag berichtet. Im Interesse der Verbraucher werde der Vorfall lückenlos aufgeklärt. „Munich Re wird Ergo dabei unterstützen.“ Ein Sprecher wollte nicht sagen, ob das auch personelle Konsequenzen bei Ergo bedeuten könnte.

Mit dem direkten Eingreifen zieht der DAX-notierte Konzern die Konsequenzen aus dem schweren Imageverlust, der zuerst durch Enthüllungen über eine Vertreterreise nach Budapest mit Zahlung von Prostituierten durch Ergo und jetzt über fehlerhafte Riester-Anträge hervorgerufen wurde.

Ergo hat in beiden Fällen inzwischen zugegeben, dass es zu gravierenden Fehlern gekommen ist, sieht sich aber gleichzeitig auch als Opfer einer organisierten Kampagne. Am Donnerstag hatte das Unternehmen bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf deshalb Strafanzeige wegen versuchter Erpressung gestellt. Entsprechende Informationen der FTD bestätigte Oberstaatsanwalt Ralf Möllmann. Die Behörde will innerhalb der kommenden zwei Wochen entscheiden, ob sie Ermittlungen aufnimmt. Die Anzeige richtet sich gegen einen Geschäftsmann und zwei Anwälte.

Hintergrund ist ein Streit zwischen Ergo und mehr als 40 Ex-Vertretern über Abfindungen. In der Spitze verlangten sie 112 Mio. Euro, die letzte Forderung lag bei 24 Mio. Euro. Ergo behauptet, es gebe einen Zusammenhang zwischen dieser Auseinandersetzung und den Enthüllungen.

Die Ergo-Vertriebsorganisation Hamburg-Mannheimer International (HMI) ist anders als die Rivalen AWD oder OVB keine eigene Firma mit eigenen Vertretern, sondern eine Abteilung von Ergo. Die HMI-Vertreter haben Verträge mit der Ergo Lebensversicherung. Zurzeit laufen nach FTD-Informationen schon sechs Gerichtsverfahren: In drei Fällen verlangen Ex-Vertriebler höhere Abfindungen. In drei anderen Verfahren hat Ergo frühere Mitarbeiter verklagt, weil sie gegen ein Wettbewerbsverbot verstoßen haben sollen, das ihnen nach Zahlung einer Spezialabfindung für Jahre die Tätigkeit in der Branche untersagt.

An die Öffentlichkeit gegangen ist unter anderem der ehemalige Vertreter Edmund Gäch, der eine ganzseitige Anzeige im „Handelsblatt“ zur Hauptversammlung von Munich Re am 20. April mitunterzeichnet hatte. Gäch verklagt Ergo auf 3,2 Mio. Euro. Das Oberlandesgericht Hamburg hat ihm 368 000 Euro zugestanden. Beide Seiten haben Revision eingelegt. Bei Verfahren um das Wettbewerbsverbot hat Ergo Niederlagen erlitten, so vor dem Oberlandesgericht Hamm.

Ergo glaubt, dass sich Berufskläger an die Forderungen der Vertreter anhängen. Gegen Berufskläger richtet sich der Vorwurf der versuchten Erpressung. „Hier wird ein neues Geschäftsmodell von Berufsklägern ausprobiert“, sagte ein Kenner der Vorgänge der FTD. Früher provozierten Berufskläger Fehler auf der Hauptversammlung und drohten dann mit Anfechtungsklagen, um sich kurz darauf mit dem Unternehmen auf Abfindungen zu einigen. Dem ist inzwischen der rechtliche Boden entzogen. „Jetzt geht das so, dass sich die Berufskläger an bestehende Forderungen von Mitarbeitern oder Geschäftspartnern anhängen, mit negativen Presseveröffentlichungen drohen und bei der Durchsetzung der Forderungen kräftig mitverdienen.“ Dazu gehöre auch das Auftreten auf Hauptversammlungen oder die Beauftragung von Personen, die auf Hauptversammlungen entsprechende Fragen platzieren.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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