„Irene“ fegt New York leer

Wirbelsturm trifft US-Ostküste // Versicherer rechnen mit Milliardenschäden// Millionen Evakuierte

Joachim Zepelin, Berlin,

und Herbert Fromme, Köln

Der mit großer Sorge erwartete Wirbelsturm „Irene“ hat gestern in New York das wirtschaftliche Herz der USA getroffen. Die Metropole an der amerikanischen Ostküste wurde durch Überschwemmungen so schwer getroffen wie seit dem Hurrikan „Gloria“ im Jahr 1985 nicht mehr. Laut Experten könnten die wirtschaftlichen Gesamtschäden, die „Irene“ an der US-Ostküste anrichtete, auf bis zu 20 Mrd. Dollar steigen. In den südlicher gelegenen US-Bundesstaaten kamen mindestens 15 Personen zu Tode. Vier Millionen Amerikaner waren zeitweise ohne Strom. US-Präsident Barack Obama hatte in elf Bundesstaaten den Notstand ausgerufen.

Aufgrund der Warnungen vor Verwüstungen war New York gestern auf die Naturkatastrophe vorbereitet. Zwei Millionen Menschen waren aus gefährdeten Stadtteilen in Sicherheit gebracht worden. Leere Straßen, verschlossene Läden, ausgefallene Vorstellungen in den Theatern, ein stillgelegter öffentlicher Personennahverkehr und vorsorglich abgesagte Flüge waren die Folge. „Bleiben Sie, wo Sie sind, und versuchen Sie, sich so gut wie möglich zu schützen“, hatte Bürgermeister Michael Bloomberg noch am Samstag die Bewohner gewarnt.

Der Großraum New York, in dem 29 Millionen Menschen leben, kam relativ glimpflich davon. Gestern stuften Meteorologen die als Hurrikan gestartete „Irene“ zum tropischen Sturm herunter. Das Unwetter fegte mit Windgeschwindigkeiten von 120 Stundenkilometern über die Stadt hinweg, ein Starkregen überschwemmte dabei Teile der Metropole. Das Wasser von Hudson und East River reichte bis an die gesperrten Stadtautobahnen, der Central Park war kniehoch überflutet. Chris Christie, der Gouverneur des Bundesstaats New Jersey westlich von New York, erwartete Schäden von mindestens 1 Mrd. Dollar.

Deutlich schlimmer wütete der Sturm mit einem Durchmesser von 900 Kilometern in den Staaten North Carolina und Virginia, wo zahlreiche Bäume entwurzelt und Menschen von Trümmerteilen erschlagen wurden. Die Elektrizitätsgesellschaften schalteten vorsorglich zwei Atomkraftwerke ab, Ölraffinerien drosselten ihre Produktion, Fabriken wurden geschlossen.

Besonders betroffen war der Flugverkehr an der amerikanischen Ostküste mit über 10 000 gestrichenen Flügen, die weitaus meisten davon in New York, Boston und Philadelphia. Nach Aussagen von US-Airlines soll der Flugbetrieb heute zwischen 6 Uhr früh und 12 Uhr mittags Ortszeit wieder aufgenommen werden. Auch die New Yorker Börsen kündigten gestern Abend an, dass der Handel heute wieder normal beginnen sollte, wenn die Mitarbeiter es in die Büros schaffen.

Die US-Versicherer und ihre Rückversicherer rechnen bei der Schadensumme nach bisherigen Schätzungen eher mit einem einstelligen als einem zweistelligen Milliardenbetrag. „Für Schadenschätzungen ist es viel zu früh“, sagte eine Munich-Re-Sprecherin gestern Abend. Vor allem werde es dauern, bis alle durch das Wasser angerichteten Schäden bekannt seien, sagte sie. Die großen Katastrophen-Analysehäuser Rims, Air Worldwide und Eqecat wollen heute erste Schätzungen veröffentlichen. Eqecat rechnete gestern für North Carolina und South Carolina mit versicherten Schäden zwischen 200 und 400 Mio. Dollar, deutlich weniger als befürchtet. In der Karibik liegen die Schätzungen zwischen 300 Mio. und 1,1 Mrd. Dollar.

Im Ausnahmezustand2

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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