Rasche Flucht

Niedrigzinsen und die Zweifel an vielen Staatsanleihen beunruhigen auch dieRisiko-Großhändler. Also legt die Branche so konservativ an wie möglich

Herbert Fromme

Vor zehn Jahren waren sie einfach sprachlos. Wie in jedem Jahr trafen sich Anfang September 2001 mehr als 1000 Manager von Rückversicherern sowie ihrer Kunden aus Assekuranz, Industrie und Beratungsfirmen. Bei ihrem Welttreffen in Monte Carlo wollten sie eigentlich über die Verträge für 2002 reden – und mussten dort vor den Fernsehschirmen ohnmächtig mit ansehen, wie Terroristen gekaperte Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers steuerten.

Der 11. September 2001 veränderte die Branche. Mitarbeiter einer ganzen Reihe von Unternehmen aus der Versicherungswirtschaft waren unter den 2982 Todesopfern der Attacken. Versicherer sahen sich Terrorrisiken gegenüber, die sie glaubten, kaum schultern zu können. Und der 11. September 2001 sorgte dafür, dass die bereits vorher spürbaren, leisen Preiserhöhungen für Industrie- und Rückversicherungsrisiken zu einer massiven Welle wurden, die fast zehn Jahre lang für auskömmliche Preise sorgte.

Beim diesjährigen Treffen in Monte Carlo, das in zehn Tagen beginnt, werden andere Themen dominieren. Eines ist die Hurrikan-Saison in den USA. Der tropische Sturm Irene hat mit seiner Zerstörungskraft bewiesen, welche klimabedingten Risiken die Rückversicherer in den Büchern haben.

Doch Sorgen haben die Unternehmen deshalb nicht – sie haben ihre Deckungen gut kalkuliert und können auch mit Milliardenschäden fertig werden. Im Gegenteil, Großschäden führen in der Regel zu Preissteigerungen – die braucht die Branche dringend. Versicherer gehen nur selten pleite, weil Schäden zu hoch sind. Das ist bei hohen Verlusten aus den Kapitalanlagen anders.

Deshalb wiegt die Wirkung der Finanzkrise auf die Branche auch in der aktuellen Lage viel schwerer. Bislang sind die Rückversicherer mit der 2008 virulent gewordenen Krise gut fertig geworden. „Die Branche hat Deckung gewährt und Schäden bezahlt“, sagt Chris Klein, Direktor beim Rückversicherungsmakler Guy Carpenter. Ihre Kapitalbasis, die 2008 angegriffen wurde, hatten die Rückversicherer schon Ende 2009 wieder vollständig aufgebaut.

Doch langsam spüren die Großhändler des Risikoschutzes, wie auch an ihnen die Finanzkrise zehrt. Die direkten Einschläge können sie verkraften. Munich Re musste im Halbjahresergebnis 2010 insgesamt 703 Mio. Euro auf griechische Staatsanleihen abschreiben. Der Verlust wurde zum Teil von Kunden getragen, zum Teil vom Finanzamt – im Ergebnis betrug die Belastung 125 Mio. Euro. Da schlug das Erdbeben in Japan ganz anders zu Buche. Dafür muss der Konzern nach heutiger Schätzung 1,5 Mrd. Euro aufbringen.

Beim Rivalen Swiss Re waren die direkten Folgen der Finanzkrise 2011 noch kleiner, auch andere Rückversicherer konnten Belastungen aus Bondabschreibungen gut verdauen.

Dennoch machen sich die Chefs der Rückversicherer große Sorgen. Sie leiden unter den Niedrigzinsen, die sie für Staatsanleihen und verwandte Papiere wie Pfandbriefe erhalten, scheuen aber aus Risikogesichtspunkten die Anlage in Aktien oder anderen Papieren mit größeren Chancen.

Die Schwergewichte der Rückversicherung haben gute Gründe, konservativ anzulegen. Sie verkaufen den Erstversicherern wie Signal Iduna oder Zurich ein zerbrechliches Produkt: das Vertrauen, dass sie im Schadensfall auch wirklich zahlen und so eine mögliche Pleite des Erstversicherers verhindern.

Wer als Rückversicherer viel in Aktien angelegt hat, die nach einem Erdbeben in Japan oder einem schweren Sturm in den USA auf Talfahrt gehen, kann ein Problem bekommen. Er muss gleichzeitig Schäden zahlen und mit Anlageverlusten fertig werden. Andererseits: Wer nur ganz sicher investiert, erhält als Rückversicherer auf die Milliarden an angelegten Geldern bei Neuinvestitionen kaum mehr als die Inflationsrate.

Vor allem Lebensrückversicherer, die ihren Kunden die Markterschließung vorfinanziert haben, leiden darunter. Wer in der Lebensrückversicherung 1979 ein technisches Ergebnis von 100 Prozent erzielte – also für Schäden und Kosten genauso viel ausgab, wie er an Prämien einnahm – konnte damals eine Eigenkapitalrendite von 16 Prozent erreichen, rechnet Gilles Meyer vor, Chef der Lebensrückversicherung der Pariser Scor. „Im Jahr 2005 waren es noch zehn Prozent und 2009 noch 7,5 Prozent“, sagt Meyer. Inzwischen dürfte der Satz noch weiter gesunken sein.

Auch Anbieter mit sehr großen, lang laufenden Haftpflichtbeständen spüren den Anlagenotstand. Wer Risiken für 20, 30 Jahre abdeckt, hat die Verzinsung der Schadenreserven einkalkuliert. Wenn sie kleiner ausfällt als erwartet, der Schadenverlauf sich aber bestenfalls normal darstellt, gibt es Probleme.

Noch komplexer wird es, weil die Branche die Gefahr einer plötzlichen Inflation einkalkulieren muss. Damit würden nicht nur die Langfristschäden teurer als veranschlagt, eine Inflation mit höheren Zinsen führte auch sofort zu Abschreibungen auf Anleihen, die noch zu den heutigen niedrigen Zinsen gekauft wurden.

Deutlich höhere Preise wären die Antwort für die Rückversicherer. Doch sie sind schwer durchzusetzen – ironischerweise genau wegen der niedrigen Zinsen, die auch zum Anlagenotstand führen. Denn der Markt hat immer noch mehr als genug Kapital. „Das wird vorerst auch so bleiben“, sagt Jan-Oliver Thofern, Deutschlandchef des Rückversicherungsmaklers Aon Benfield. „Für viele Hedge-Fonds und andere Großanleger ist die Rückversicherung angesichts des allgemeinen Niedrigzinses immer noch sehr attraktiv“, argumentiert er. Sogar die schweren Naturkatastrophen in Japan, Australien und Neuseeland könnten den Markt in Europa kaum in Richtung Preissteigerung drehen. „Hier hatten wir seit 1990 kein wirklich großes Schadenereignis“, sagt Thofern. „Da haben die Rückversicherer lange sehr gut verdient.“

Dass die Branche immer noch nicht die Preiserhöhungen durchsetzen kann, von denen sie seit drei Jahren spricht, bestätigen auch Rückversicherer selbst. „Der Markt ist für weite Teile des Geschäfts immer noch in einer schwierigen Phase“, sagt Arno Junke, Chef der Deutschen Rück in Düsseldorf. Schlecht verdient habe auch sein Unternehmen dabei zwar nicht. Doch von einem risikoadäquatem Preisgefüge könne nicht die Rede sein, sagt er.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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