Talanx kauft sich in Vietnam ein

Versicherer schnappt sich 25 Prozent an Marktführer PVI // Kunden wollenPräsenz in Region

Herbert Fromme , Köln

Der Hannoveraner Versicherer Talanx kauft für 65 Mio. Euro 25 Prozent an den PVI Holdings in Hanoi, früher Petro Vietnam Insurance. Für die Transaktion führt der vietnamesische Versicherer eine Kapitalerhöhung durch. Mehrheitsaktionär des seit 2007 an der Börse Hanoi notierten Unternehmens bleibt der staatliche Energiegigant Petro Vietnam, der für 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich ist und zurzeit 62,3 Prozent an dem Versicherer hält.

Trotz des niedrigen Kaufpreises ist der Deal von großer strategischer Bedeutung für Talanx. Der Industrieversicherer ist getrieben: Er muss seine Kunden – vor allem deutsche Konzerne – in ihre Zielgebiete begleiten und hat daher in den vergangenen Jahren für viel Geld ein Netz von Töchtern und Niederlassungen aufgebaut. Die Konzerne wollen einen Partner, der Risiken weltweit abdeckt und Schäden vor Ort regulieren kann.

In Südostasien ist Talanx bislang schwach vertreten. Von der Präsenz in dem Land mit 91 Millionen Einwohnern erhofft sich Talanx den Durchbruch in der Region. Vietnam gehört der Staatengemeinschaft Asean an, die ihre Zollschranken untereinander bis 2015 weitgehend aufheben will. Anfang der Woche hatte der stellvertretende Talanx-Vorstandsvorsitzende Christian Hinsch in der FTD bereits angekündigt, dass Talanx in wenigen Monaten auch in Indien an den Start geht sowie Standorte in Kanada, Singapur und auf der arabischen Halbinsel eröffnet.

Bei dem Geschäft in Vietnam hatte Talanx heftige Konkurrenz europäischer und asiatischer Wettbewerber. Mehrfach seien die Gespräche an Differenzen über den Preis fast gescheitert, hieß es in Versicherungskreisen.

PVI erwartet, vom Know-how der Hannoveraner und ihrer Tochter Hannover Rück zu profitieren und das Unternehmen zu professionalisieren. In den vergangenen fünf Jahren wuchsen die Prämieneinnahmen jährlich im Schnitt um 33 Prozent, das Nettoergebnis sogar um 61 Prozent.

Doch PVIs starke Marktstellung mit einem Anteil von 24 Prozent in der vietnamesischen Schadenversicherung ist nicht auf Dauer gesetzt. Ein Drittel der Prämieneinnahmen von 183 Mio. Dollar (127 Mio. Euro) stammt aus der Energiebranche, also vor allem von der Muttergesellschaft. Im restlichen Markt ist der Wettbewerb sehr munter, PVI liegt oft nur an zweiter oder dritter Stelle. Auf Platz zwei mit 22,2 Prozent Marktanteil steht der Anbieter Bao Viet, dessen Partner die britische Großbank HSBC ist. Auf Platz drei folgt mit 13,9 Prozent Bao Minh, ein Partner des französischen Versicherungsriesen Axa.

Talanx ist nicht der einzige ausländische Aktionär bei PVI, allerdings sind die übrigen keine Versicherer. Der omanische Staatsfonds ist der zweitgrößte Aktionär mit 13,3 Prozent. Ebenfalls beteiligt ist Trevor, eine in Hongkong ansässige Private-Equity-Gesellschaft, mit 5,7 Prozent. Sonstige inländische Aktionäre halten 13,9 Prozent, weitere Ausländer 4,9 Prozent.

Auch wenn Talanx sich mit Stellungnahmen zurückhält – der Versicherer setzt darauf, langfristig seinen Anteil deutlich zu erhöhen und möglicherweise sogar die Mehrheit zu übernehmen. Dem stehen bislang gesetzliche Vorschriften im Weg – und die Frage, ob Petro Vietnam und die anderen Minderheitsaktionäre in eine ähnliche Richtung denken oder sich vor allem der Expertise aus Hannover bedienen wollen, ehe sie ihre Anteile an der Börse verkaufen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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