Aus der Kasse auf das Konto

Firmen wollen genau wissen, was mit ihrem Geld passiert, wenn es die Filialeverlässt. Die technischen Systeme zur Dokumentation werden immer ausgefeilter

Anne-Christin Gröger

Der Skandal sitzt den Einzelhändlern noch in den Knochen. Vor fünf Jahren kam ein Schneeballsystem ans Licht, das die Werttransportgesellschaft Heros seit den 90er-Jahren betrieben hatte. Ihre Wagen brachten Kundengeld zu Niederlassungen der Bundesbank. Dort wurden sie auf Heros-Konten eingezahlt, wo sie erst mal blieben. Mit der Weiterleitung hatte es die Firma nicht eilig. Geld wurde zweckentfremdet, entstehende Löcher stopfte das Management mit dem Geld anderer Kunden. Erst 2006 flog alles auf, Heros ging pleite. Der Schaden für Einzelhändler wie Rewe betrug mehr als 300 Mio. Euro.

Eines hat der Fall gezeigt: Beim Transfer hoher Bargeldeinnahmen von der Kasse auf das Konto geht das größte Risiko nicht von Kriminellen aus, die maskiert und bewaffnet dem Sicherheitspersonal auflauern und die Geldkoffer stehlen. „Wenn ein Transporter gestohlen wird, sind vielleicht 200 000 Euro weg“, sagt Peter Lühr, Geschäftsführer beim Beratungsunternehmen Ascopert: „Die eigentliche Gefahr besteht bei der Bearbeitung des Geldes.“ Also dann, wenn der Sicherheitsmitarbeiter das Bare abgeholt und ins firmeneigene Cashcenter gebracht hat. Hier werden Scheine und Münzen sortiert, gezählt, gerollt und auf Echtheit überprüft. Das Risiko: „Bargeldeinnahmen werden in den Cashcentern vermischt“, sagt Lühr. Kommt etwas weg, kann am Ende niemand mehr genau nachvollziehen, wessen Geld fehlt.

Deshalb wollen immer mehr Firmen genau wissen, was mit ihrem Geld passiert, nachdem sie es an den Sicherheitsdienst übergeben haben. Der Sicherheitstransporteur Kötter Services setzt bei den Geldübergaben auf eine spezielle Technologie. „Jede Geldübergabe, sei es bei Kunden, Cashcentern oder bei der Bundesbank, wird mittels Scannertechnik als Vorgang dokumentiert“, erläutert Sprecher Carsten Gronwald.

Etwas moderner ist das System CashEDI der Bundesbank. „CashEDI ist ein standardisierter Nachrichtenaustausch zwischen Händler, Wertdienstleister, Bundesbank und Hausbank“, berichtet Frank Horst, Leiter des Forschungsbereichs Inventurdifferenzen und Sicherheit beim EHI Retail Institute, das dem Handel nahesteht. „Die Ein- und Auszahlung des Bargeldes wird genau dokumentiert und mit Statusmeldungen unterlegt, sodass alle Beteiligten am Monitor zu jedem Zeitpunkt nachvollziehen können, wo sich das Geld befindet, wie viel unterwegs ist und wie viel dementsprechend auch ankommen muss.“

Manche Unternehmen setzen auf geschlossene Kassensysteme, mit denen möglichst wenig Bares zur Bank gebracht werden muss und Bareinnahmen sofort weiterverwendet werden. Der Ölkonzern Shell kooperiert dafür mit der Postbank. An Shell-Tankstellen legt der Mitarbeiter eingezahltes Bargeld sofort über eine Münzschale oder einen Geldschlitz am Tresen sicher im Tresor ab. Kunden der Postbank können sich direkt wieder Geld auszahlen lassen. Einnahmen und Auszahlungen rechnet der Besitzer täglich ab. So muss er am Ende des Tages weniger Bares an das Transportunternehmen übergeben. Gleichzeitig erhöhte sich die Sicherheit für die Tankstellenbetreiber. „Die Zahl der Überfälle auf die Tankstellen ist gesunken“, sagt Horst. Ganz überflüssig macht es die Geldlogistiker jedoch nicht, denn Wechselgeld benötigt der Betreiber ja trotzdem. Ein in Deutschland noch recht neues System des Geldtransports ist die Ein-Mann-Logistik. Ein spezielles Koffersystem und GPS-gesicherte Spezialfahrzeuge sollen die teuren gepanzerten Fahrzeuge und ihre Zwei- oder Drei-Mann-Besatzung ersetzen. Ein einzelner unbewaffneter Sicherheitsmann holt den Koffer ab. Wird er Opfer eines Überfalls oder verlässt der Wagen die vorgegebene Route, zerstört Tinte das Bargeld. „Die Initiative geht von den Händlern aus“, sagt Horst: „Bewaffnete Sicherheitsleute in ihren Geschäften sehen sie nicht so gerne.“ Außerdem ist diese Variante wesentlich preiswerter.

Diesen Trend zum Sparen sieht Kötter-Sprecher Gronwald indes kritisch. „Leider ist festzustellen, dass bei den Geld- und Wertdienstleistungen nach wie vor für zu viele Kunden der Preis und weniger die Qualitätskriterien das dominierende Kriterium für die Auftragsvergabe ist.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit