Versicherer fordern mehr Daten von Industrie

Munich Re will Lieferketten der Kunden kennen // Vorstand Jeworrek siehtGrenze der Leistungsfähigkeit bei Terrorrisiken

Herbert Fromme , Monte Carlo

Die Industrie muss künftig Versicherern und Rückversicherern ihre Lieferantenstruktur vollständig offenlegen – und möglicherweise ändern, wenn sie sich weiter im bisherigen Ausmaß gegen die Folgen von Betriebsunterbrechungen absichern will. Das kündigte Munich-Re-Vorstand Torsten Jeworrek gestern beim Weltrückversicherungstreffen in Monte Carlo an.

Damit zieht der weltgrößte Rückversicherer die Konsequenzen aus den Folgen des japanischen Erdbebens, das bei einer Reihe von Unternehmen außerhalb Japans zu Betriebsunterbrechungen führte, weil Teile fehlten. Viele von ihnen haben sogenannte Rückwirkungspolicen, die auch zahlen, wenn das Unternehmen nicht selbst beschädigt ist, sondern ein Zulieferer einen Schaden durch Erdbeben, Feuer oder Sturm erlitt.

„Wir brauchen mehr Transparenz, vor allem für die Folgen größerer Naturkatastrophen“, sagte Jeworrek. Ein Feuerschaden bei einem Hersteller könne zu Ausfällen bei vielen weiteren Unternehmen führen, die ihrerseits nicht liefern können. Das führe zu Schäden bei zahlreichen Erstversicherern und einer Kumulierung der Belastung bei Rückversicherern. „Wir müssen die bestehenden Deckungskonzepte verändern“, sagte Jeworrek. Künftig sollen die Unternehmen die Lieferketten offenlegen und bei besonders exponierten Situationen alternative Zulieferer suchen. „Wenn ein Zulieferer wegen einer Naturkatastrophe ausfällt, muss unser Kunde ihn ersetzen können.“ Sonst seien Risiken nicht versicherbar.

Bei der Terrorgefahr sieht Jeworrek ebenfalls Grenzen für die Leistungen der privaten Assekuranz. Der Anschlag auf das World Trade Center vor genau zehn Jahren habe die Versicherer 32,5 Mrd. Dollar (23,8 Mrd. Euro) gekostet, in heutigen Preisen rund 40 Mrd. Dollar. „Davon entfielen 33 Prozent auf Betriebsunterbrechungsschäden, zum Beispiel die Duty-free-Läden an Flughäfen als Folge des Flugverbots.“ Für die Versicherungswirtschaft bestehe das Hauptproblem bei Versicherungen gegen Terrorschäden darin, die Häufigkeit solcher Anschläge zu berechnen. „Wie viele Anschläge es in einem Jahr oder einem Monat gibt, ändert sich dauernd und ist nicht vorherzusagen.“ Deshalb seien öffentlich-private Partnerschaften sinnvoll, bei denen die Versicherer eine begrenzte Deckung übernehmen und der Staat extreme Schäden übernimmt – wie in Deutschland beim Terrorversicherer Extremus. Sollten die Regierungen sich aus solchen Lösungen zurückziehen, würde Munich Re nur sehr selektiv Terrorrisiken zeichnen, so Jeworrek.

Er sagte, auch das Alterungsrisiko sei nicht versicherbar. Vor allem Pensionsfonds wollen sich gegen das Risiko absichern, dass ihre Mitglieder länger leben als eigentlich erwartet und entsprechend länger Rente beziehen. „Die Lebenserwartung steigt weltweit an“, sagte Jeworrek. „Deshalb gibt es keinen Ausgleich zwischen verschiedenen geografischen Gebieten.“ Der Anstieg sei bislang immer unterschätzt worden und keine zufällige Entwicklung. Deshalb sei die Absicherung nicht möglich.

Munich Re sehe mit Sorge die niedrigen Zinsen. Der Rückversicherer reagiere auf die Unsicherheiten in der Euro-Zone mit einer größtmöglichen Diversifizierung der Kapitalanlagen. „Eine risikolose Kapitalanlage gibt es nicht mehr“, sagte er mit Blick auf die Staatsanleihen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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