Bitte nicht kuscheln

Kolumne

Herbert Fromme

Im Hilton am Berliner Gendarmenmarkt war es eng, sehr eng. Fast 300 Versicherer, Anwälte, Berater und Journalisten drängten am 17. Oktober in den Saal des Hotels zur Solvency-II-Konferenz des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen entschuldigte sich, man habe niemanden abweisen wollen. Außerdem sei es angesichts der Lage vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die Branche zusammenrücke.

Die gemeinsamen Interessen aller Versicherer, ob groß oder klein, waren an diesem Tag noch mehrfach Thema. Zahlreiche Redner betonten, Solvency II dürfe auf keinen Fall als Mittel zur Marktbereinigung dienen.

Bullshit. Ein Hauptzweck von Solvency II war von Anfang an die Konsolidierung des europäischen Versicherungsmarkts mit seinen 5000 Gesellschaften. Nicht umsonst waren die großen europäischen Spieler Allianz, Axa und Generali von Anfang an eng in die Erarbeitung des Standards eingebunden.

Bei Fachkonferenzen wollen sich Allianz-Vertreter daran nicht mehr erinnern und fahren voll auf Kuschelkurs mit den kleineren Gesellschaften. Ihr Vorstandsvorsitzender hat solche Skrupel nicht. „Die Konsolidierung wird kommen“, sagte Michael Diekmann am 26. Februar 2010. Es stehe in Deutschland zwar kein Versicherer durch zu knappes Eigenkapital am Abgrund. „Aber wenn man ein anderes Kapitalmodell anwendet, kann das schon sehr eng werden“, sagte Diekmann damals mit Blick auf Solvency II. Und weiter: „Wir haben allein in Deutschland mehrere hundert Versicherer, teilweise mit Umsätzen, die einer Geschäftsstelle der Allianz in Regensburg entsprechen.“ Er bezweifele, dass dies sinnvoll sei.

Es ist das gute Recht des Allianz-Chefs, so zu denken und zu reden. Die Allianz ist schließlich nicht wegen übermäßiger Freundlichkeit zu Wettbewerbern der weltgrößte Versicherer geworden. Aber die kleinen und mittleren Gesellschaften sollten ihre Lehren aus den offenen Worten ziehen.

Die meisten von ihnen haben sich zu spät in die Diskussion um Solvency II eingemischt und das Thema den Großen der Branche und dem GDV überlassen. Aber immer noch sind Änderungen möglich – zum Beispiel bei den Berichtspflichten. Es ist blühender Unsinn, Unternehmen mit 100 Mio. Euro Jahresumsatz eine vierteljährliche Berichterstattung in einem Umfang aufzuzwingen, der den Quartalsbänden von DAX-Konzernen entspricht.

Merke: Wenn die Maus mit dem Elefanten kuschelt, kann das anfangs ganz gemütlich sein. Aber wenn sich der Elefant einmal umdreht, ist die Maus tot.

Herbert Fromme ist Versicherungskorrespondent der FTD.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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