Damenwahl

Der Volkswohl Bund bringt die erste Unisex-Versicherungen auf den Markt.Frauen sollten allerdings nicht vorschnell abschließen

Anja Krüger und Ilse Schlingensiepen

Anlegerinnen sollten in diesen Wochen auf die geballte Werbeoffensive der Finanzbranche erst einmal mit Vorsicht reagieren. Die Vertriebstruppen drängen zum Abschluss einer privaten Renten- oder Lebensversicherung bis Ende Dezember. Doch gerade für Frauen stehen die Chancen gut, dass sie in Zukunft zwischen deutlich besseren Angeboten wählen können als im Moment. Denn ab Dezember 2012 müssen Versicherer geschlechtsneutrale Tarife auf den Markt bringen. Für Frauen ist das günstig. Den ersten sogenannten Unisex-Tarif hat der Dortmunder Versicherer Volkswohl Bund jetzt herausgebracht.

Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs dürfen Versicherer ab Ende 2012 nur noch Verträge verkaufen, bei deren Kalkulation das Geschlecht keine Rolle spielt. Das hat vor allem auf private Rentenversicherungen große Auswirkungen. Weil Frauen statistisch gesehen eine längere Lebenserwartung haben als Männer, müssen sie heute für dieselbe monatliche Rente viel höhere Beiträge zahlen. In Zukunft werden Frauen für die gleichen Beiträge auch die gleiche Monatsrente bekommen wie Männer.

Die Unisex-Rentenversicherung des Volkswohl Bunds ist mit den bisherigen Männer- und Frauentarifen schwer vergleichbar. Denn die neuen Verträge sehen eine zusätzliche Leistung vor. „Es handelt sich um die Beitragsbefreiung bei unfallbedingter Pflegebedürftigkeit in der Ansparzeit“, sagt eine Sprecherin. Vergleichbar ist aber die garantierte Rente für Männer und Frauen. Sie beträgt bei dem neuen Tarif bei einer Laufzeit von 37 Jahren und 100 Euro Beitrag im Monat 197 Euro. Männer erhalten bei herkömmlichen Policen 207 Euro, Frauen 194 Euro.

Den Unisex-Tarif bereits jetzt auf den Markt zu bringen ist raffiniert. Denn die Branche versucht mit einem großen Werbefeldzug, eine Schlussverkaufsstimmung zu erzeugen. Die Finanzdienstleister werben mit der Aussicht auf eine höhere Garantierente, wenn Kunden noch in diesem Jahr abschließen. Ab 2012 sinkt die garantierte Verzinsung bei klassischen Lebens- und Rentenversicherungen von jetzt 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent. Der Volkswohl Bund will mit seinem Angebot Frauen ködern, die sowohl den höheren Garantiezins als auch einen Unisex-Tarif wollen.

Neben der garantierten Verzinsung, die für die gesamte Vertragslaufzeit gilt, bekommen Anleger von ihren Versicherungen eine jährlich neu festgelegte Gewinnbeteiligung, sodass die Gesamtverzinsung meist über der Garantieverzinsung liegt. Wichtig: Verzinst wird nur der Sparanteil des vom Kunden gezahlten Beitrags. Wie viel der Versicherer von der Prämie für Verwaltung, Provisionen und anderes abzieht, behält er für sich. Es können 20 Prozent und mehr sein.

Auch die garantierte Rente der Unisex-Police des Volkswohl Bunds wird ab dem kommenden Jahr niedriger sein – also geht sie jetzt auf Kundenfang. Das Unternehmen vertreibt seine Verträge über unabhängige Vermittler. „Wir als Maklerversicherer wollen schnell auf die Bedürfnisse des Marktes reagieren und entsprechende Produkte anbieten“, sagt die Sprecherin. Kundinnen sollten sich aber nicht unter Druck setzen lassen. Verbraucherschützer warnen davor, nur wegen des sinkenden Garantiezinses eine Police zu kaufen. Noch sind in den meisten Häusern die Produktentwickler mit der Senkung des Garantiezinses beschäftigt. Doch es wird nicht mehr lange dauern, bis weitere Anbieter Unisex-Tarife auf den Markt bringen. Und sie werden dabei viel Fantasie entwickeln, erwarten Experten. „Bei der Umsetzung geht es nicht nur um die Erfüllung regulatorischer Vorgaben“, sagt Thomas Gerber, Vorstand der Axa-Lebensversicherung. Gefordert sei die Entwicklung ganz neuer Produktideen. Das gilt nicht nur bei der Altersvorsorge, sondern auch bei Policen wie der Berufsunfähigkeitsversicherung. Hier seien Neuerungen durch die Kombination verschiedener Merkmale wie Alter und Berufsgruppen denkbar, sagt Gerber.

Unabhängige Vermittler müssen Kunden auf die neuen Möglichkeiten hinweisen, sagt der Versicherungsjurist Frank Baumann. „Das Unterlassen des Hinweises auf die Unisex-Tarife stellt eine Pflichtverletzung dar, für deren Folgen die Makler haften.“ Vertreter dagegen müssen Kundinnen nicht darauf hinweisen, dass ein Konkurrent eine für sie günstigere Unisex-Variante anbietet.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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