Gefährliche Abkürzung

Der Assekuranz wachsen Verbünde und Pools über den Kopf. Sie fordert mehrTransparenz

Friederike Krieger

Das Schriftstück umfasst nur zweieinhalb Seiten. Doch die sogenannte Dortmunder Erklärung schlug ein wie eine Bombe. In dem Schreiben hat Rainer Jacobus, Vorstandschef des Versicherers Ideal, mit Unterstützung des Volkswohl Bunds und anderer Versicherer Kriterien für die Zusammenarbeit zwischen Assekuranz und Maklerpools festgehalten.

Vermittlerverbünde wie BCA oder Jung, DMS & Cie. handeln mit Versicherern Verträge aus und übernehmen die technische Abwicklung einschließlich der Provisionsabrechnung für Makler. Sie leben von der Differenz zwischen den Courtagen, die sie von den Versicherern erhalten und dem Geld, was sie an die Makler weiterreichen.

Unterschreiben sollten Versicherer und Maklerpools. Versicherer hätten sich verpflichten müssen, ab Anfang 2012 nur noch mit Maklerverbünden zu kooperieren, die bestimmte Anforderungen erfüllen. Die Pools sollten die vollständige Offenlegung der Eigentümerverhältnisse versprechen sowie die zeitnahe Veröffentlichung eines ausführlichen, testierten Jahresabschlusses und die Nennung der Namen der angeschlossenen Vermittler. Auf dem Branchentreff Deckungskonzeptmesse (DKM) Ende Oktober in Dortmund wollte Jacobus den Vorschlag zur Diskussion stellen. Doch das Schriftstück gelangte kurz vorher an die Öffentlichkeit.

Die Pools Fonds Finanz und Jung, DMS & Cie. konterten umgehend mit einem Rechtsgutachten, das das Schreiben als wettbewerbs- und datenschutzrechtlich höchst bedenklich einstufte – und von der Unterzeichnung abriet. Das war das Ende der Erklärung. Doch die Forderung nach mehr Transparenz bleibt.

„Dass es mit der Erklärung nicht geklappt hat, heißt nicht, dass das Thema tot ist“, sagt Dietmar Bläsing, Vertriebsvorstand beim Volkswohl Bund. Er will in bilateralen Gesprächen mit Pools eigene Mindeststandards für die Zusammenarbeit definieren. Ähnliches plant auch Ideal-Chef Jacobus. „Das wird einen Transparenzwettbewerb unter den Pools in Gang setzen“, hofft er.

Viele Pools müssen wegen ihrer Gesellschaftsform oder Größe keine Geschäftszahlen veröffentlichen. Sie seien eine Blackbox – mit teils unfeinem Geschäftsgebaren, kritisiert Jacobus. So arbeiteten einige mit Ein-Firmen-Vertretern zusammen, obwohl das verboten ist. Andere gingen rüde mit den Beständen der Makler um und verpfändeten sie etwa als Sicherheiten. „Wir wollen dieses Spiel nicht mitspielen“, sagt Jacobus.

Es gelte, die Makler zu schützen. „Sie vertrauen darauf, dass sich die Versicherer die Pools anschauen“, sagt er. Wenn Vermittler durch einen Pool Geld verlieren, käme sofort die Frage, warum der Versicherer seine Produkte überhaupt ins Regal des Verbunds gestellt hat. „Am Ende zeigen alle Finger auf uns“, sagt Jacobus. Er fürchtet, dass sich der Gesetzgeber einschaltet, wenn die Branche das Thema nicht selbst angeht.

Ob die Selbstregulierung gelingt, ist unklar. „Wir können uns gern auf Augenhöhe zusammensetzen und über sinnvolle Offenlegungspflichten sprechen“, sagt Sebastian Grabmaier, Vorstandsvorsitzender des Maklerpools Jung, DMS & Cie. Forderungen der Versicherer nach einer Offenlegung von stillen Beteiligungen gehörten aber nicht dazu. „Das müssen sie selbst auch nicht veröffentlichen“, sagt er. Auch die Verträge mit Vermittlern gingen niemanden etwas an.

Die Makler haben die Versicherer mit ihrer Aktion jedenfalls an ihrer Seite. „Für Makler ist nicht einsichtig, wie die Jahresabschlüsse des Pools sind, welche Sondervergütungen fließen, wer welche Interessen verfolgt“, kritisiert Hans-Ludger Sandkühler, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands mittelständischer Versicherungs- und Finanzmakler. Er steht den Verbünden skeptisch gegenüber. „Man muss genau hinschauen, was die Ziele der Pools sind: Ob sie antreten, um Dienstleistungen mit echtem Mehrwert für den Makler zu erbringen, oder ob sie nur ein weiteres Absatzorgan eines Versicherers sind.“

Oliver Pradetto, Mitbegründer des Pools Blau Direkt, argwöhnt, dass viele Pools bereits von Versicherern kontrolliert werden. „Sie sagen zwar, sie seien unabhängig, aber das stimmt so nicht“, sagt er. Zwar müssen Beteiligungen von mehr als zehn Prozent an einem Pool offengelegt werden. Über eine stille Beteiligung ließe sich dies aber umgehen, sagt Pradetto. Auch großzügige Provisionsvorschüsse schafften Abhängigkeiten.

Wenn die wichtigsten Pools unter dem Einfluss von großen Gesellschaften stehen und sich weigern, mit der Konkurrenz Geschäfte zu machen, kann das auch für kleinere Versicherer zu einem Problem werden. „Dann können sie sich einsargen lassen“, sagt Pradetto. Denn Maklerpools haben sich zu einem großen Hebel im Markt entwickelt: Fast alle Makler kooperieren mit mindestens einem Verbund, die meisten mit mehreren.

Die große Macht der Pools haben sich die Versicherer selbst zuzuschreiben, sagt Pradetto. „Sie haben die Entwicklung durch ihre Gier nach hohem Umsatz ermöglicht“, sagt er. Die Verbünde versprechen viel Geschäft auf einen Schlag. „Jetzt fangen die Versicherer an, nachzudenken.“

Er rechnet damit, dass der Wettbewerb unter den Pools noch zunehmen wird. Nachdem viele Marktteilnehmer 2009 rote Zahlen geschrieben haben, geht es mit der Branche derzeit wieder bergauf. Pradetto blickt aber eher skeptisch in die Zukunft. Vor allem die vom Bundestag beschlossene Deckelung der Abschlussprovisionen auf maximal neun Monatsbeiträge in der privaten Krankenversicherung (PKV) bereitet ihm Sorge. Um die fehlenden Einnahmen in der PKV auszugleichen, werden viele Verbünde im Kfz- und im Kompositbereich angreifen. „Der Poolmarkt wird wesentlich aggressiver werden“, sagt Pradetto.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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