Unsicherheit, die tötet

Viele Industriekonzerne fürchten die Folgen der neuen EU-AssekuranzrichtlinieSolvency II für ihre Versicherungstöchter

Friederike Krieger , Frankfurt

Bisher haben sich vor allem die reinen Assekuranzkonzerne an der neuen EU-Eigenkapitalrichtlinie für die Branche gerieben – jetzt laufen auch die Versicherungstöchter von Industrieunternehmen Sturm gegen Solvency II. Die Industrie sieht ihre „Captives“ genannten Töchter sogar existenzgefährdet angesichts der Regelwut der EU, aber auch der Unklarheit dessen, was sie vorgibt.

Es gebe einen „unglaublichen Wust an unverständlichen Papieren“, wie Günter Dröse, Versicherungschef der Deutschen Bank, sagt. Dröse ist zugleich Vorsitzender des Lobbyverbands European Captive Insurance and Reinsurance Owner’s Association (ECIROA). „Die Komplexität ist eines der Hauptprobleme von Solvency II.“

Mit Solvency II will die EU verhindern, dass Versicherer Pleite gehen und Verpflichtungen gegenüber Kunden und Geschädigten nicht erfüllen können. Die neuen Regeln, die 2013 in Kraft treten sollen, enthalten Vorgaben für Eigenkapitalausstattung, Risikomanagement und Berichtspflichten. Sie sollen auch für konzerneigene Versicherungstöchter gelten.

Die meisten Industriefirmen haben sich diese Captives zugelegt, als die Preise in der Industrieversicherung hoch waren. Die Captives übernahmen einen Teil der Risiken. Dadurch sanken die Prämien, die die Konzerne zahlen mussten, und sie erhielten als Mitglieder der Versicherungskonsortien Einblicke in die Kalkulation. Außerdem bauten Konzerne steuersparend Reserven auf.

ECIROA will, dass die Kapitalanforderungen und Berichtspflichten für Captives erleichtert werden. Die Begründung: Da die Töchter meist nur konzerneigenes Geschäft zeichnen, würde ein Bankrott der Captives, wie er durch Solvency II verhindert werden soll, keine Dritten schädigen.

Die EU-Kommission hat zwar Bereitschaft signalisiert, dies zu berücksichtigen. Details fehlen aber immer noch. Bisher ist nur abstrakt von der Anwendung des Proportionalitätsprinzips die Rede, mit dem kleine Gesellschaften von den Solvency-II-Folgen entlastet werden sollen. „Man kann aber nicht sagen, dass etwas proportional ist, ohne zu definieren, was das genau heißt“, sagt Dröse.

Die Besitzer von Versicherungstöchtern müssten Entscheidungen treffen, etwa über die Übernahme von zusätzlichen Risiken, ohne zu wissen, wie teuer sie das am Ende kommt, kritisiert Praveen Sharma vom Versicherungsmakler Marsh. „So kann man keine Geschäfte machen. Diese Unsicherheit tötet die Captives.“

Die unklare Situation verhindere auch, dass neue Versicherungstöchter gegründet werden. „Eine Neugründung ist momentan fast unmöglich“, sagt ein Captive-Manager, der anonym bleiben wollte. „Man kann keinen Geschäftsplan aufstellen, solange unklar ist, wie viel Kapital nötig ist.“

Er glaubt nicht, dass die EU die Captives absichtlich drangsaliert. „Die Kommission ist in einem Zwiespalt: Sie will Solvency II nicht durch zu viele Ausnahmen aufweichen“, sagt der Manager. „Andererseits weiß sie, dass unser Geschäftsmodell tot ist, wenn wir ein Risikomanagement wie ein Großkonzern wie Munich Re betreiben müssen.“ Daher sei die EU zögerlich. Der DAX-Konzern Munich Re ist der Rückversicherer der Welt.

Jonathan Groves vom Versicherer Chartis rät den Captive-Müttern dagegen, nicht zu lange mit den Vorbereitungen auf Solvency II zu warten. „Es ist schon genug veröffentlicht, mit dem man etwas anfangen kann.“

Als Reaktion darauf sind unterschiedliche Strategien der Konzerne denkbar: Einerseits können die Versicherungstöchter ihr Geschäft zurückfahren und sich von kapitalintensiven Katastrophendeckungen sowie langlaufenden Risiken trennen. Andererseits könnten die Konzerne auch ihr Geschäft ausweiten, um Captives angesichts höherer Kosten besser auszulasten. „Die Unternehmen sollten sich nur bald klar darüber werden, welche Strategie sie anwenden wollen“, empfiehlt Groves. Doch nicht nur die Welt der Industrie-Versicherungstöchter könnte sich verändern. Experten erwarten auch Auswirkungen auf das Angebot kommerzieller Versicherer. „Wir fürchten einen Mangel an Innovation und weniger Kapazität in der Zukunft“, sagt Harry Daugird, Versicherungschef der deutschen Tochter des Schweizer Konzerns ABB. Er ist zugleich Vorsitzender des Versicherungsausschusses beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). „Auch die Preise könnten steigen.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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