Vom Ozeanriesen ins Maklerbüro

Quereinsteiger wie Kapitäne, Ärzte und IT-Spezialisten sind in derVersicherungswirtschaft gefragte Experten

Anne-Christin Gröger

Manchmal vermisst Olaf Fölsch seinen alten Beruf. Wenn er daran denkt, bei spiegelglatter See mit einem Becher Kaffee den Sonnenaufgang zu beobachten. Oder wenn er sich an seine vielen Fahrten auf Containerschiffen für die Reederei Hapag-Lloyd erinnert. Nach Asien ist er gefahren, nach Nordamerika – rund um die Welt. Fölsch ist Kapitän. Er hat eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker abgeschlossen und später ein Diplom zum Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr gemacht. „Ich bin mit der Schifffahrt groß geworden“, sagt er. „Deswegen übt der Beruf immer noch eine große Faszination auf mich aus.“

Heute ist Fölsch Leiter des Bereichs Specialty Marine beim Versicherungsmakler Aon in Deutschland. Er verantwortet alles, was mit der Versicherung von Schiffen zu tun hat. Er ermittelt den Versicherungsbedarf sowohl von Werft- als auch von Yachtbesitzern, und er kümmert sich um Haftpflicht- und Kaskodeckungen für Containerschiffe. In sein Aufgabenfeld fällt auch die ausreichende Deckung für Offshore-Windanlagen auf hoher See. Zu den Kunden gehören Reeder, aber auch Inhaber von Sportbooten können sich von ihm beraten lassen.

Als er an Land ging, hatte er dafür einen guten Grund: „Ich habe mir immer vorgenommen, von Bord zu gehen, wenn ich eine Familie gründe“, sagt er. Er war Seefahrer in vierter Generation und hat in seiner Kindheit hautnah erlebt, was es bedeutet, wenn der Vater nur wenige Wochen im Jahr zu Hause ist. „Man kriegt vieles nicht mit, ist in der Familie immer nur Gast“, sagt er. „Das wollte ich nicht.“ Deshalb hat er sich nach anderen beruflichen Möglichkeiten umgesehen und ist in der Versicherungswirtschaft fündig geworden – erst bei der Allianz in der Seekasko-Schadenabteilung, später bei Aon. Er war entschlossen, auch an Land Karriere zu machen.

Spezialisten wie Fölsch sind in der Assekuranz gefragt: Bauingenieure begutachten Gebäudeschäden, Kunsthistoriker bewerten Sammlungen, Mediziner prüfen Gesundheitsrisiken. „In der Branche hat schon immer ein hoher Anteil an fachfremden Spezialisten gearbeitet“, sagt Tiemo Kracht, Geschäftsführer bei der Personalberatung Kienbaum. „Angesichts des demografischen Wandels wird es für die Versicherer noch wichtiger, mehr solcher Mehrzweckwaffen einzustellen, die Expertenwissen ins Unternehmen bringen.“

Experten für HackerangriffeDie demografische Entwicklung ist jedoch nur ein Grund, warum Versicherer und Makler sich verstärkt nach Quereinsteigern umsehen. Neue Risiken erfordern neue Fachkräfte. Ob Klimawandel oder Hackerangriffe auf Kundendaten: Die Gesellschaften müssen sich auf neue Gefahren einstellen und Angebote entwickeln.

Gefragt sind Fachkräfte mit naturwissenschaftlichen Abschlüssen in Mathematik oder Physik. Aber auch technische Spezialisten haben in der Versicherungswirtschaft gute Karrieremöglichkeiten, sagt Kracht. „Die Gesellschaften haben eine Menge sensible Kundendaten auf ihren Servern gespeichert“, sagt er. „Sie brauchen Experten, die Cybercrime-Wissen mitbringen und sich mit der Verschlüsselung von Daten, der Kryptologie auskennen.“

Michael Werner ist einer von denen, die sich als IT-Manager mit der Absicherung neuer Risiken beschäftigen. Er ist Diplom-Informatiker und arbeitet seit drei Jahren bei der Gothaer im Bestands- und Wissensmanagement im Bereich Erneuerbare Energien. Die Kölner Gesellschaft baut die Absicherung von Windkraft- sowie Biogasanlagen und anderen Systemen zur Gewinnung erneuerbarer Energien als ein Spezialsegment aus.

Früher hat Werner für den Autozulieferer Bosch in Abstatt bei Heilbronn Sicherheitssysteme für Hybridantriebe entwickelt. Heute arbeitet er an Strategien, das komplizierte Wissen um Solarstrom, Windkraft oder Geothermie seinen Versicherungskollegen verständlich zu machen. Denn nur so können sie entsprechende Deckungen entwickeln.

Aus Neugierde ist Werner vom Neckar an den Rhein gezogen. „Ich wollte noch etwas anderes machen“, erzählt er. „Ich war schon immer ökologisch interessiert und hatte als Student immer Ökostrom, deswegen wollte ich in dieser Richtung etwas erreichen.“ Die Kombination aus erneuerbaren Energien, Mathematik und Finanzbranche fand er besonders spannend. So kam er zur Gothaer, die eine IT-affine Nachwuchskraft für ihre Abteilung Erneuerbare Energien suchte. „Der Schritt vom Entwickler für Sicherheitssysteme zum Versicherer war eigentlich gar nicht so groß“, sagt er. „Früher habe ich an der Personensicherheit bei Hybridfahrzeugen gearbeitet, heute an der Absicherung und dem Risikomanagement für Windkraft- oder Biogasanlagen.“ Ihn fasziniert die Vielschichtigkeit seiner Arbeit. Er muss abwägen zwischen den technischen und finanziellen Möglichkeiten, dem rechtlichen Rahmen und den Kundenbedürfnissen.

Zum Beispiel Geothermie: Eine kleine Firma will nach warmem Wasser bohren und das Projekt mit einer Fündigkeitsdeckung versichern, die einspringt, wenn die Experten trotz wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse kein Wasser finden. „Die Police bekommen sie aber nur, wenn sie genau nachweisen können, dass ihr Vorhaben gemäß Stand der Wissenschaft und Technik untersucht und geplant ist. Nur dann ist es auch wahrscheinlich, dass sie Wasser finden“, sagt Werner. Die Versicherung ist unverzichtbar. Ohne sie wird keine Bank das Projekt mit einem Kredit unterstützen. „Diese Vielschichtigkeit ist es, die mich fasziniert“, sagt er.

Die vielen verschiedenen Aspekte der Arbeit waren es auch, die Achim Regenauer, Facharzt für Innere Medizin, vor über 20 Jahren zum Rückversicherer Munich Re zogen. Rückversicherer nehmen ihren Kunden, den Erstversicherern, große Risiken ab. „Es gibt so viele Schnittstellen zwischen Gesellschaft, medizinischem Fortschritt und Versicherungsthemen“, erzählt er. Außerdem reizte ihn die internationale Ausrichtung seines Arbeitgebers. Regenauer leitet die versicherungsmedizinische Abteilung im Ressort Leben beim Rückversicherungsweltmarktführer. „Meine Aufgabe ist es, den medizinischen Fortschritt in eine Sprache zu übersetzen, dass er in Lebensversicherungspolicen für den Kunden entsprechend berücksichtigt werden kann“, erklärt er.

Regenauer und sein Team werten regelmäßig internationale medizinische Studien aus, um den Krankheitsverlauf und die Prognose bestimmter Krankheitsbilder besser einschätzen zu können. „Das ist ein ganz dynamischer Prozess“, sagt er. „Viele Krankheiten können durch bessere Medikamente, feinere Screenings oder neue Operationstechniken heute schon viel besser behandelt werden als noch vor ein paar Jahren.“ Das müssen die Anbieter berücksichtigen, wenn sie Prämien kalkulieren. Als besondere Herausforderung empfindet er die andere Denkweise, die Medizinern in der Versicherungsbranche im Vergleich zu den behandelnden Kollegen abverlangt wird. „Praxis- und Klinikärzte müssen eine Prognose erstellen, die sie nach weiteren Untersuchungen revidieren können“, sagt er. „Wir müssen zum Policenbeginn prognostizieren, wie sich die Krankheit innerhalb der nächsten Jahrzehnte entwickeln wird.“

Personalberater Kracht glaubt, dass künftig noch mehr Fachleute wie Fölsch, Regenauer oder Werner in der Versicherungsbranche Karriere machen werden. „Früher kam es den Gesellschaften häufig auf das reine Fachwissen an“, erzählt er. Das können Bewerber sich aneignen. „Die Versicherer müssen stärker eine Brücke zwischen versicherungsfremden Experten und der Branche schlagen und Quereinsteiger für ihre Bedürfnisse qualifizieren.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit