Danke, nein!

Wer jetzt teure Weihnachtspräsente vom Geschäftspartner annimmt,überschreitet schnell die Grenze zur Bestechlichkeit. Compliance ist das neueThema der Unternehmensberater, und der Bedarf ist hoch wie nie

Herbert Fromme und Anja Krüger

Vorsicht, Geschenke! Weihnachtspräsente anzunehmen kann höchst unangenehme Konsequenzen haben! Schnell ist die Schwelle zur Korruption überschritten!

In diesen Tagen überschlagen sich Unternehmensberater mit solchen Botschaften. Zum Beispiel die Compliance-Abteilung des TÜV Rheinland. „Es gibt keine gesetzlichen Wertgrenzen, ab wann ein Geschenk als Bestechung gilt“, sagt TÜV-Compliance-Spezialist Walter Schlegel. Aber: „Bei teuren Präsenten wie exklusiven Eintrittskarten, einer Reise oder gar Bargeld ist höchste Vorsicht geboten“, warnt er. „Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte solche Geschenke dankend ablehnen oder direkt zurückgeben.“

Immer mehr Berater entdecken Compliance als Geschäftsfeld. Sie nutzen die Vorweihnachtszeit, um auf die mitunter tatsächlich schmale Gratwanderung zwischen freundlicher Aufmerksamkeit und forensischem Anfangsverdacht aufmerksam zu machen. Compliance bedeutet das Einhalten von Gesetzen, Richtlinien und eigenen Regeln. Das klingt banal, ist es aber keineswegs. Nicht nur die Sitten, auch die Rechtssysteme unterscheiden sich in verschiedenen Ländern. Was in der Ukraine erlaubt ist, ist in den USA möglicherweise strikt verboten und wird dort hart bestraft.

Die Berater bieten eine ganze Palette von Dienstleistungen an, mit denen Firmen systematisch Regelverstöße von Mitarbeitern aufspüren und vermeiden können. Das beginnt mit Informationsveranstaltungen für Beschäftigte und endet mit sogenannten Whistleblower-Hotlines, bei denen Mitarbeiter Regelverletzungen melden können.

Dass die Berater dieses Geschäftsfeld ausbauen wollen, ist kein Wunder. Deutsche Firmen gehen weitaus energischer gegen Wirtschaftskriminalität vor als früher. Compliance-Verstöße gehören für Unternehmen zu den größten Risiken.

Und die Zeiten ändern sich – schneller, als so mancher mitbekommt. In den 90er-Jahren waren in Deutschland Bestechungsgelder noch von der Steuer absetzbar. Heute geht man dafür ins Gefängnis. Die Finanzkrise macht die Arbeit der Compliance-Abteilungen nicht einfacher. Denn viele Unternehmen müssen mit weniger Aufträgen rechnen, gerade aus EU-Ländern, die besonders stark von der Krise betroffen sind. Da ist die Versuchung groß, erprobte Methoden vergangener Jahrzehnte anzuwenden – und über offene oder getarnte Bestechung Geschäft hereinzuholen. Die Erfahrungen aus den Jahren 2008 und 2009 lassen hoffen, denn kaum eine Firma ist dieser Versuchung damals erlegen.

Ein gravierendes Fehlverhalten stürzt Unternehmen immer wieder in große Krisen und führt zu erheblichen Imageschäden. Der Siemens-Konzern hat für die Compliance-Verstöße in seinem Haus richtig geblutet. Manager hatten mit Schmiergeldern Aufträge besorgt. Knapp 400 Mio. Euro musste der Konzern in Deutschland zahlen. In den USA verlangten die Behörden neben Bußgeldern in Höhe von umgerechnet 620 Mio. Euro die Berufung eines unabhängigen Compliance-Monitors. Diese Aufgabe hat der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) übernommen.

Einen schweren Imageschaden hat auch der zur Munich Re gehörende Versicherer Ergo hinnehmen müssen. Sexuelle Dienstleistungen für Top-Verkäufer haben den Ruf des Unternehmens stark beschädigt. Den Ausflug nach Budapest organisiert hatten Führungskräfte einer der wichtigsten Konzerntöchter. Eine der Reaktionen auf die Affäre war die Ansiedlung der Compliance-Abteilung bei Ergo direkt unterhalb des Vorstands. Was der Skandal den Versicherer tatsächlich kostet, ist noch nicht klar. Das Management behauptet, dass Ergo nur 900 Kunden verloren hat. Wie viele potenzielle Interessenten das Unternehmen meiden, ist natürlich nicht messbar. An barem Geld gekostet der Skandal das Unternehmen bislang zumindest 83 000 Euro, die das Unternehmen an ein Frauenhaus gespendet hat – diese Summe hatte Ergo für die Sex-Party ausgegeben. Auch die internen Untersuchungen des Skandals, zum Teil mithilfe von Wirtschaftsprüfern, dürften Ergo nicht billig kommen.

Verstöße fallen zufällig aufDie Mehrheit der deutschen Unternehmen hat mittlerweile ein Compliance-Programm, sagt der Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PwC) in einer Studie mit der Universität Heidelberg. Was viele Manager früher als aufgezwungen betrachteten, empfindet eine neue Generation eher als positiv. Zunehmend sehen Firmen Compliance-Programme als Wettbewerbsvorteil. Bei Transaktionen fragen potenzielle Partner immer häufiger nach Compliance-Risiken. Bei Zweifeln an der Regelfestigkeit des Partners, gehen Unternehmen ein Geschäft lieber nicht ein. Haben Geschäftspartner plötzlich Probleme mit den Behörden, leiden auch Dritte, erhalten benötigte Teile nicht und müssen Alternativen suchen. „Der Markt beginnt, Prävention gegen Wirtschaftskriminalität zu honorieren“, sagt Steffen Salvenmoser, Experte für Forensic Services bei PwC. „Compliance erhält zunehmend einen Marktwert und entwickelt sich zu einem Produktivitätsfaktor.“

Aber offensichtlich sind die Programme unzureichend. Die meisten Regelverstöße werden nach wie vor zufällig entdeckt. Viele Unternehmen zögern, Systeme für interne oder externe Hinweisgeber einzurichten. Dabei werden gerade auf diesem Weg viele Unregelmäßigkeiten bekannt. Am häufigsten sind der Studie zufolge Vermögensdelikte, gefolgt von Verstößen gegen Patent- und Markenrechte, Korruption und Bestechung sowie der Diebstahl vertraulicher Kunden- und Unternehmensdaten.

Die Schäden durch Wirtschaftskriminalität sind enorm. Im Schnitt liegen sie bei 8,39 Mio. Euro pro Unternehmen, hat PwC errechnet. In den vergangenen zwei Jahren ist der Schaden um 58 Prozent gestiegen. Die Zahl der entdeckten Delikte ist aber zurückgegangen. „Drei Prozent der Unternehmen berichten von Schäden über 100 Mio. Euro“, sagt Salvenmoser. „Allerdings ist es möglich, dass sich noch Auswirkungen der Finanzmarktkrise 2008 und 2009 zeigen.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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