Der große Schirmtest

Kolumne

Herbert Fromme

Eigentlich ist noch nichts passiert. Der deutschen Wirtschaft geht es insgesamt besser als seit vielen Jahren, die Zahl der Pleiten sinkt. Günstige Zeiten für die Kreditversicherer: Sie mussten weniger Schäden zahlen und können mit ordentlichen Jahresergebnissen rechnen. Die Industrie ihrerseits kauft in moderatem Umfang Kreditversicherungsschutz. Schließlich ist das Risiko geringer als in Vorjahren, dass ein Kunde vor Bezahlung der Rechnung in die Pleite geht.

In diesem sonnigen Wetter entwickelt sich ein interessanter Disput über künftiges schlechtes Wetter, von dem noch niemand sicher weiß, ob es wirklich kommt. In den Verhandlungen für 2012 bestehen viele Kunden auf geringeren Preisen und verweisen auf die niedrigen Schadenquoten. Gleichzeitig sorgen sie sich darum, dass die Versicherer bei einem Anstieg der Insolvenzzahlen die Deckungen zurückfahren könnten. Sie haben das Jahr 2008 in schlechter Erinnerung. Nach der Pleite von Lehman Brothers zogen die Gesellschaften Deckungen zurück. „Wir sorgen uns, dass die Versicherer 2012 die Regenschirme wieder zuklappen, die sie uns gerade verkaufen“, sagt der Versicherungsmanager eines großen rheinischen Industriekonzerns.

Die Versicherer ihrerseits verlangen kontinuierlich hohe Preise. Sie warnen, dass sie sonst im Fall einer Rezession die Deckung reduzieren müssten. Eine klare Ansage kommt von Wilfried Verstraete, Chef des weltweit größten Kreditversicherers Euler Hermes, der in Deutschland auf 48 Prozent Marktanteil kommt. „Wir werden die Deckungen nicht kappen, solange die Voraussetzungen dem entsprechen, was wir in unseren Preisberechnungen angenommen haben“, sagt er.

Natürlich sind solche Äußerungen einerseits Teil des Armdrück-Rituals in jeder Preisverhandlungsrunde. Sie sind aber andererseits auch Anzeichen für eine wachsende Unsicherheit auf beiden Seiten, ob das heutige Modell der Kreditversicherung noch passt. Wir erleben krisenbedingte, viel ausgeprägtere Ausschläge der Konjunktur als in den Jahrzehnten zuvor. In den elf Jahren seit der Jahrtausendwende hat die Wirtschaft drei Jahrhundertkrisen erlebt. Da taugt die alte Methode des Ansparens in den ruhigen Jahren und Auszahlens in den wenigen Krisenjahren nicht mehr.

Alternativen sind noch nicht in Sicht. Aber alle Bemühungen, Deckungen auch über einen längeren Zeitraum berechenbarer zu machen, sind richtig – sie haben aber natürlich ihren Preis. Mehr Transparenz ist richtig. Eine große Aufgabe steht an: Der Regenschirm für die Wirtschaft muss neu konstruiert werden.

Herbert Fromme ist Versicherungskorrespondent der FTD.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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