Ein ganz spezieller Finanzdienstleister

AWD-Gründer Maschmeyer hat großzügig Politiker bedacht – wohl nicht ohneEigennutz

Claudia Kade, Berlin, und Herbert Fromme, Köln

Carsten Maschmeyer kümmert sich herzlich wenig um Parteibücher – entscheidend sind für ihn nur die Faktoren Macht und Anerkennung. Anders lässt sich nicht erklären, dass der Gründer des Finanzdienstleisters AWD in Niedersachsen über Jahre großzügige Wohltaten zuerst zugunsten von Gerhard Schröder (SPD) und wenig später auch zum Vorteil von Christian Wulff (CDU) verteilte. Dass der erfolgreiche und luxusverliebte Unternehmer als zentrale Figur im Hannover-Klüngel dabei nicht uneigennützig war, lässt er selbst durchblicken.

650 000 D-Mark steckte Maschmeyer 1998 zunächst anonym in eine Anzeigenkampagne für Schröder im damaligen Landtagswahlkampf gegen Wulff. Titel der Anzeige, die unmittelbar vor dem Wahltag großflächig in niedersächsischen Medien geschaltet wurde: „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein.“ „Ich wollte nicht Christian Wulff schaden oder Schröder gefallen, sondern Lafontaine als SPD-Kanzlerkandidaten verhindern“, erklärte Maschmeyer später der „Bild am Sonntag“. Das war ihm offenbar viel wert. Maschmeyers Freundschaft zu Schröder hat auch die Kanzlerschaft des SPD-Politikers überdauert. Nach ihrem Ende wechselte der ehemalige Regierungssprecher Béla Anda zu AWD.

Nachdem Wulff 2003 in die Staatskanzlei in Hannover eingezogen war, baute Maschmeyer auch zu ihm enge Bande auf: Für Wulffs 2007 erschienenes Buch „Besser die Wahrheit“ finanzierte Maschmeyer mit knapp 43 000 Euro aus seinem Privatvermögen eine Anzeigenkampagne, die das Buch im Vorfeld der folgenden Landtagswahl bewarb. Maschmeyer, Wulff und der Verlag beteuern, dass der heutige Bundespräsident von der Finanzierung der Anzeigen nicht gewusst habe. Wulff urlaubte aber später in Maschmeyers Luxusanwesen auf Mallorca, er war es auch, der den Finanzunternehmer und dessen heutige Lebensgefährtin, Schauspielerin Veronica Ferres, miteinander bekannt machte.

Maschmeyer hat keine eigenen politischen Ambitionen und muss auch kein Geld mehr verdienen. Seine Allparteien-Agenda ist nur im Licht seiner Herkunft und Karriere zu verstehen: Er giert nach Respekt. Denn wenn sich Mitte der 90er-Jahre die Spitzen der Versicherungswirtschaft in Hannover zu diskreten Gesprächen trafen, war er nicht dabei. Zwar machten einige Gesellschaften mit seinem Vertrieb Geschäfte, doch anerkannt waren der AWD und sein Gründer nicht. Die „Strukturvertriebe“ hatten einen schlechten Namen.

Dieses Bild hat sich mittlerweile vollständig gewandelt. AWD und vor allem sein Gründer Maschmeyer haben sich Stück für Stück in die Anerkennung gekämpft oder das, was sie dafür halten. Heute heißt das Stadion in Hannover AWD-Arena, das Unternehmen ist im Besitz der ehrwürdigen Swiss Life – einst die Schweizerische Rentenanstalt.

Maschmeyer selbst ist mehrere Hundert Millionen Euro schwer und verschenkte 1,14 Mio. Euro publikumswirksam in der Fernsehshow „Ein Herz für Kinder“. Er wurde Ehrendoktor der Universität Hildesheim, nachdem er das Institut für Psychologie mit einer Spende von 500 000 Euro gefördert hatte. Der einst belächelte Chef eines mittelgroßen Finanzvertriebs spielt in der ersten Liga der Beziehungen. Er hat mit dem einstigen Wirtschaftsweisen Bert Rürup das Beratungsunternehmen Maschmeyer Rürup gegründet und ist in der Pharmabranche und bei Privatkliniken als Investor aktiv. Für den Zugang zu Glamour und Boulevardzeitungen sorgt Veronica Ferres, der Bundespräsident bekennt sich vor laufender Kamera zur Freundschaft mit ihm.

Eigentlich wollte Maschmeyer Arzt werden. Während des Studiums verdiente sich der durchtrainierte Läufer Geld bei Wettkämpfen – als „Hase“, wie die Schrittmacher für andere Athleten genannt werden. Bei einem Urlaub lernte er einen Vertreter des Kölner Finanzvertriebs OVB kennen. Maschmeyer brach sein Studium ab und lernte das Verkaufen von Versicherungspolicen. Für OVB baute er ein Vertriebsnetz auf, schied aber im Streit und mit einer hohen Abfindung im Alter von 27 aus. 1988 gründete er AWD, 2000 ging er mit der Firma an die Börse, 2007 übernahm Swiss Life sie. Weil Maschmeyer so sehr auf seine neue Anerkennung durch die Gesellschaft setzt, reagiert er aber heftig auf Medienberichte über die Geschäftspraktiken von AWD unter seiner Leitung. Der schlechte Ruf der Verkaufstruppen verfolgt ihn bis heute.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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