Einfach weiter so geht nicht

Die Versicherer müssen 2012 ihre überfällige Modernisierung einleiten

Herbert Fromme und

Anja Krüger , Köln

Die deutschen Versicherer stehen vor einer Weggabelung: Entweder es gelingt ihnen, sich im Kerngeschäftsfeld Lebensversicherung neu zu erfinden und ihre Vertriebsstrukturen zu ändern – oder sie werden über kurz oder lang in Sachen Altersvorsorge und Vermögensanlage von Banken und Investmentbranche abgehängt.

Dabei spielen auch die Vertriebswege der Zukunft eine wichtige Rolle. Die hohen Abschlussprovisionen stehen in der Kritik von Verbraucherschützern und Politikern. Die Folgen der Finanzkrise verschärfen diese Situation. Sie sorgen aber auch dafür, dass der Hunger nach Neugeschäft zunimmt – und damit auch die Bereitschaft, im Kampf um die wenigen Neukunden hohe Provisionen zu zahlen.

Größte Überraschung 2011 Die Enthüllungen über die Reise der Ergo-Tochter HMI nach Budapest, wo das Unternehmen Prostituierte für die besten Vertreter zahlte, sorgten für fundamentale Verunsicherung der Branche. Ausgerechnet die Munich-Re-Tochter Ergo, die gerade eine PR-Kampagne gegen den Rest der Branche gestartet hatte und die Neuerfindung der Versicherung für sich reklamierte, wurde getroffen. Doch die Schadenfreude blieb den Rivalen im Hals stecken – denn alle mussten unter der Imageverschlechterung leiden. Ergo hat die Fehler eingestanden und Konsequenzen gezogen, glaubt aber auch, dass ehemalige Vertreter und Verbündete die Firma mithilfe der Enthüllungen erpressen wollten.

Größte Überraschung 2012 Es wird tatsächlich Großfusionen und Übernahmen geben. Lang gediente Versicherungsmanager sagen gerne, seit Jahren werde von der Konsolidierung geredet, sie sei aber immer noch nicht da. Das ist aus zwei Gründen falsch. Erstens gab es zahlreiche Zusammenlegungen und Übernahmen in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Zweitens hat die Branche eine Krise von diesem Ausmaß noch nicht erlebt. Nicht jeder wird überleben, aber die BaFin wird dafür sorgen, dass alle Fußkranken von stärkeren Rivalen geschluckt werden. Andere werden sich friedlich zusammenfinden.

Was 2012 wichtig wird Die Details des Aufsichtssystems Solvency II werden festgeklopft. Die Einführung beschert den Versicherern eine Sisyphusarbeit – und die Gefahr großer Löcher in mancher Bilanz.

Wer 2012 wichtig wird Elke König soll neue BaFin-Chefin werden. Damit steht eine ausgewiesene Kennerin der Assekuranz an der Spitze der Aufsichtsbehörde. Zusammen mit Versicherungsaufsichtschefin Gabriele Hahn wird sie die Branche sehr genau beobachten – König weiß, wo bei Versicherern in Krisenzeiten die entscheidenden Probleme liegen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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