Keine Trendwende in Sicht

Lebensversicherer kämpfen mit niedrigen Zinsen. Die Überschussbeteiligungsinkt weiter

Anja Krüger

In den letzten Monaten eines Jahres haben die Vertriebe der Lebensversicherer Hochkonjunktur. Das vierte Quartal ist für die Assekuranz traditionell das Stärkste. Dieses Mal haben die Vermittler zwei Verkaufsargumente: die Senkung des Garantiezinses ab 2012 und die Anhebung des Alters, ab dem Kunden die Steuervorteile für die Erträge nutzen können. So mancher Versicherer hofft auf einen kleinen Schlussverkauf.

Für 2011 rechnet die Branche mit einem Umsatzeinbruch. Um 5,7 Prozent werden die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer nach Hochrechnungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) im Jahr 2011 sinken. Sie werden voraussichtlich 85,2 Mrd. Euro einnehmen, nach 90,4 Mrd. Euro im Jahr 2010. Historisch betrachtet erreichen die Lebensversicherer aber immer noch die zweithöchsten Einnahmen. Außerdem: Zurück gehen nur die Umsätze bei den Verträgen gegen Einmalbeitrag. Hier profitierte die Assekuranz von der Finanzkrise: Anleger parkten ihr Geld bei den Versicherern, weil sie ihnen mehr vertrauten als Banken oder Investmenthäusern.

Leichte Zuwächse verzeichnet die Branche bei Rentenpolicen gegen laufenden Beitrag. „Einen Rückgang haben wir im Bereich der Kapitallebensversicherung zu verzeichnen“, sagt GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen. Bei vielen Policen, die aus steuerlichen Gründen abgeschlossen wurden, steht die Auszahlung an. Dafür zahlen die Kunden keine Beiträge mehr.

Die Kapitallebensversicherung war einst der Bestseller der Branche. Das änderte sich, als 2005 die Steuerfreiheit für die gesamten Erträge wegfielen. Heute sind Teile steuerfrei, wenn die Versicherung ab dem 60. oder bei ab 2012 geschlossenen Verträgen ab dem 62. Lebensjahr ausgezahlt wird. Das reicht offenbar nicht, um die Attraktivität zu erhalten. 1990 waren noch 83,7 Prozent der Policen im Bestand der Gesellschaften Kapitallebensversicherungen, 2010 nur noch 47,5 Prozent. Verbraucherschützer halten ohnehin nicht viel von diesen Verträgen. „Kapitallebensversicherungen mit langen Laufzeiten von 20 oder 30 Jahren sind nicht mehr zeitgemäß“, sagt Gerd Billen, Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband. „Das ist höchstens etwas für Beamte.“ Er mahnt einen Modernisierungsschub an. Anleger brauchen und wollen flexible und kostengünstige Verträge, ist er überzeugt.

Der fehlende Modernisierungsschub ist nicht das einzige Problem der Branche. Die Versicherer sind in einer schwierigen Phase. Ihr Image ist angekratzt. Die private Altersvorsorge wird zwar auf allen Kanälen propagiert, aber die Versicherer machen keine gute Figur. Die Riester-Rente hat mittlerweile den Ruf, eine Subventionsmaschine für die Branche zu sein. Die Gesellschaften leiden unter den anhaltend niedrigen Zinsen und politischen Vorgaben. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zwingt die Branche dazu, zum 1. Januar den Garantiezins in der Lebens- und Rentenversicherung von 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent zu senken. Bei klassischen Policen gibt der Versicherer dem Kunden bei Vertragsbeginn eine Garantie, wie viel er mindestens bei einem regulären Vertragsende auszahlt. Der Gesetzgeber deckelt diese Garantie nach oben, weniger dürfen Versicherer durchaus anbieten. Aus Wettbewerbsgründen tun sie das aber nicht. Die Branche hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, dass der Garantiezins auf 1,75 Prozent des Sparanteils der Prämie gedrückt wird. Die Unternehmen verzinsen nie die gesamte Prämie, die der Kunde zahlt. Sie ziehen davon Geld für Kosten und Risikoschutz ab.

Die Branche hätte lieber eine Zwei vor dem Komma gesehen. Im Wettbewerb etwa mit Fondsgesellschaften hätten damit ihre Angebote besser ausgesehen. Das hindert die Unternehmen natürlich nicht daran, jetzt Anleger mit der bevorstehenden Senkung zum schnellen Abschluss zu drängen. „Besserwisser sein – jetzt Garantiezins sichern“, wirbt etwa die Generali. Davon sollten sich Verbraucher nicht beeindrucken lassen. „Die Senkung des Garantiezinses ist nicht kriegsentscheidend“, sagt Reiner Will, Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata. Neben der Garantieverzinsung schreiben die Unternehmen den Kunden eine weitere Gewinnbeteiligung gut, die jeweils zum Jahresende festgelegt wird. Garantie und Gewinnbeteiligung ergeben zusammen die Überschussbeteiligung. Im Branchenschnitt lag sie 2011 bei 4,1 Prozent. Sie sinkt seit Jahren, eine Trendwende ist nicht in Sicht. Was den Anlegern blüht, zeigen die Zahlen der Alten Leipziger. Sie hat als eine der ersten Gesellschaften ihre laufende Überschussbeteiligung für 2012 bekannt gegeben: Mit 3,85 Prozent nach 4,1 Prozent reißt der Versicherer die magische Vier-Prozent-Marke.

Trotz sinkender Gutschriften seien die Policen für die heutigen Kunden der Lebensversicherer eine hochattraktive Anlage, ist Will überzeugt. Zurzeit schütten die Versicherer Erträge aus, die über dem liegen, was sie bei einer Neuanlage bekommen. Aber das führt auch dazu, dass die Gewinnbeteiligung erst einmal nicht steigen wird. „Die Überschussbeteiligung wird mittelfristig niedrig bleiben, auch wenn sich die Kapitalmärkte drehen“, erwartet Will.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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