Klinikkeimen den Kampf ansagen

Hygiene ist lebenswichtig für Krankenhauspatienten – und muss gar nichtaufwendig sein

Ilse Schlingensiepen

Wer als Deutscher in ein niederländisches Krankenhaus kommt, wird häufig erst einmal als Risikopatient betrachtet – und isoliert. Das ist keine Schikane für unbeliebte Nachbarn, sondern eine wirksame Maßnahme des Infektionsschutzes. Die Niederländer wollen sicherstellen, dass Patienten von jenseits der Grenze keine Krankenhauskeime einschleppen.

Sie haben vor allem einen Erreger im Visier, den Methicillin-resistenten Staphylococcus Aureus (MRSA). Das ist ein Bakterium, das gegen gängige Antibiotika resistent ist. MRSA ist für gesunde Menschen ungefährlich. Anders sieht es bei Kranken und Immungeschwächten aus. Gerade in Kliniken sind MRSA-Infektionen ein Problem.

In Deutschland ist die Verbreitung um ein Vielfaches höher als im Nachbarland. Als Gründe für die bessere Situation in den Niederlanden gelten ein geringerer Verbrauch an Antibiotika, konsequente Hygienemaßnahmen und die Isolierung von Patienten mit Verdacht auf MRSA.

In Deutschland fehlt ein solches stringentes Konzept, gerade im Bereich der Klinikhygiene besteht Handlungsbedarf. Zwar ist bekannt, was zu tun ist, aber es hapert an der Umsetzung. Das soll sich durch das modifizierte Infektionsschutzgesetz ändern, das Anfang August in Kraft getreten ist. Das Gesetz sorgt für eine neue Verbindlichkeit und schreibt den Häusern die Einstellung von Hygieneärzten und Hygienefachkräften vor. Die Empfehlungen von wissenschaftlichen Kommissionen werden verbindlich, die Klinikleitungen dazu verpflichtet, über die Einhaltung der Standards zu wachen.

„Der Druck auf die Häuser wird deutlich höher“, sagt Peter Gausmann von der auf Kliniken spezialisierten Gesellschaft für Risikoberatung, die zum Versicherungsmakler Ecclesia gehört. „Bislang konnte man die Hygienemaßnahmen einhalten, musste es aber nicht. Heute gibt es kein Können mehr, sondern nur noch ein Müssen.“ Nach seiner Erfahrung haben rund die Hälfte der deutschen Kliniken die Bedeutung des Themas erkannt und setzen die notwendigen Maßnahmen um – die andere Hälfte aber eben noch nicht.

Hygieneregeln beachtenDreh- und Angelpunkt der Standardhygienemaßnahmen im Krankenhaus ist die regelmäßige Desinfektion der Hände von Ärzten und Pflegern. Neun von zehn Krankenhausinfektionen werden auf diesem Weg übertragen, sagt Roland Schulze-Röbbecke, Krankenhaushygieniker an der Universitätsklinik Düsseldorf. „An allererster Stelle steht die Handhygiene, und dann kommt erst mal lange nichts“, sagt er. Die Spender mit dem Desinfektionsmittel müssen in Nähe der Klinikbetten stehen, sagt Risikoexperte Gausmann. „Es nützt nichts, wenn sie vor der Zimmertür hängen.“

Verbessern müssen viele Kliniken nach seiner Erfahrung auch den Umgang mit neuen Patienten, so wie die Niederländer es vormachen: Kommt ein Patient in die Notaufnahme, müssen die Klinikmitarbeiter nicht nur die Behandlungsdringlichkeit einschätzen, sondern auch die mögliche Infektiosität des Patienten. Besteht der Verdacht, dass sie Keime tragen, gehören sie in einen separaten Warteraum. Gleichzeitig müsse die Diagnostik in den Kliniken beschleunigt werden, sagt Gausmann. „Ich kann den Patienten nach dem Abstrich nicht auf die Normalstation schicken und dann nach drei Tagen feststellen, er hat MRSA.“

Das Hygienemanagement funktioniert nur gut, wenn die Hygienespezialisten in den Häusern eine hohe Wertschätzung erfahren. Kontraproduktiv ist es, wenn in diesem Bereich Leute eingesetzt werden, die an anderer Stelle erfolglos waren. „Die Hygiene war lange Zeit eine Art Abschiebebahnhof“, bemängelt Gausmann.

Notwendig sind auch gute Fort- und Weiterbildungsangebote. Die Österreicher sind da schon weiter. Gausmann hat einen Lehrauftrag an der Donau-Universität Krems. Die Hochschule bietet einen Studiengang zum Master of Science in Patientensicherheit durch Risiko- und Qualitätsmanagement an. 2012 soll ein Master Hygienemanagement folgen.

Klinikorganisationen schätzen, dass durch das Gesetz zusätzliche Kosten von mindestens 400 Mio. Euro auf die Häuser zukommen. „Die derzeitigen Kürzungen im Krankenhausbereich sind für den Infektionsschutz und die bessere Hygiene kontraproduktiv“, kritisiert Hans Rossels, Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen.

Standards einhalten Die ungeklärten finanziellen Fragen dürften die Kliniken aber nicht zum Nichtstun verleiten, betont er. Die Sicherheit der Patienten und die Minimierung von Infektionsrisiken hätten höchste Priorität. „Eine effektiv organisierte Krankenhaushygiene muss zentraler Bestandteil des Qualitäts- und Risikomanagements sein, Krankenhaushygiene ist Chefsache“, sagt Rossels. Das Gesetz nehme die Klinikleitung in die Verantwortung, die Verhütung von Infektionen und die Vermeidung der Weiterverbreitung von Erregern nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft sicherzustellen.

Die wissenschaftlichen Standards der Hygiene und des Infektionsschutzes seien der Haftungsmaßstab für die Krankenhäuser, sagt Günter Selentin, Hauptabteilungsleiter Freie Berufe, Heilwesen, Haftpflicht bei der Versicherungskammer Bayern. Der Versicherer hat 1998 mit dem Rückversicherer Swiss Re die Risikomanagementgesellschaft Medi Risk Bayern gegründet, die Krankenhäuser berät. „Oft ist es wirkungsvoller, wenn wir von außen darauf hinweisen, was uns im Risikobereich auffällt“, sagt Selentin. Seit 2010 steht bei der Beratungstätigkeit das Thema Hygiene verstärkt im Fokus.

Die Mitarbeiter des Unternehmens ermitteln die mögliche Lücke zu den Standards und suchen gemeinsam mit den Kliniken nach Lösungen. „Unsere Aufgabe ist es, die Sensibilität für das Thema zu erhöhen“, sagt Selentin. Die Maßnahmen im Bereich des Risikomanagements einschließlich der Hygiene fließen in die Prämien für die Krankenhaushaftpflichtpolicen ein. Es gehe nicht darum, den Krankenhäusern etwas aufzuzwingen, sagt er. „Wir wollen die Risikosituation gemeinsam verbessern. Dabei können wir nur belohnen, nicht sanktionieren.“

Fortschritte in der Hygiene müssen nicht teuer sein, wie das Beispiel Händedesinfektion zeigt. Bei den Beratungen dienen den Mitarbeitern der Medi Risk auch die Niederlande als Beispiel. Sie empfehlen bei der Aufnahme die sofortige Abklärung, ob ein Patient in der jüngeren Vergangenheit stationär behandelt wurde und schon einmal Keime hatte. „Zu fragen: ,Warst Du schon einmal im Krankenhaus?` ist neben der Handdesinfektion die kostengünstigste Maßnahme“, sagt Selentin.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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