Krise bringt ersten Versicherer in schwere See

Dem französischen Genossenschaftsversicherer Groupama droht die Pleite //Notverkäufe sollen das Schlimmste abwenden

Leo Klimm, Paris,

und Herbert Fromme, Köln

Mit dem französischen Groupama-Konzern droht ein erster großer Versicherer der Euro-Krise zum Opfer zu fallen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) warnte, sie könnte wegen akuter Liquiditätsprobleme diese Woche die Beurteilung des genossenschaftlichen Versicherers um zwei Stufen auf „BB+“ herabsetzen.

Da Kredite an Groupama in diesem Fall als unsichere Investition gelten und Firmenkunden kaum noch Versicherungsgeschäfte mit Groupama abschließen würden, droht dem Konzern die Pleite. S&P begründete den Schritt damit, dass die Solvenz des Unternehmens wegen seiner stark risikobehafteter Finanzanlagen und des schlechten Marktumfelds weiter geschwächt werden könnte. Die Bonitätswächter zwingen so Konzernchef Thierry Martel und die Pariser Regierung, Notverkäufe von Groupama-Töchtern hastig abzuschließen.

Konkret hob S&P die Belastung durch Abschreibungen von 50 Prozent auf griechische Staatsanleihen hervor, die den Gegenwert von 7,8 Prozent des Eigenkapitals hätten. Hinzu komme, dass der traditionell als Versicherer der Landwirtschaft tätige Groupama-Konzern große Aktienpakete von Société Générale und Veolia hält, deren Börsenwert gelitten hat. Dies hat Groupamas Eigenmittel um fast die Hälfte schrumpfen lassen. Die Gesellschaft gilt nach der Größe als Nummer 15 in Europa. Im ersten Halbjahr erzielte sie bei 11 Mrd. Euro Umsatz 151 Mio. Euro Gewinn.

Der Rettungsplan, den Groupama-Chef Martel mit Spitzenbeamten des französischen Präsidialamts und des Finanzministeriums fieberhaft verhandelt, sieht den Notverkauf eines 44-Prozent-Anteils an der Immobilienholding Silic an die Staatsbank Caisse des Dépôts (CDC) vor. Silic ist mit Immobilien im Pariser Geschäftsviertel La Défense und an den Flughäfen der Stadt eine Perle. Wird der Verkauf aber nicht schnell besiegelt, so S&P, komme es zur Herabstufung.

Dann droht eine Abwärtsspirale: In Frankreich ist es für die Kunden relativ einfach, aus Sorge um die Solvenz ihres Versicherers Verträge zu kündigen und Groupama so weiter in Bedrängnis zu bringen. In Deutschland wären kaum Folgen zu spüren: Kunden hat Groupama hierzulande kaum.

Insgesamt soll Groupama rund 1,8 Mrd. Euro an Beteiligungserlösen anpeilen. Zum Verkauf steht der Makler GAN Entourage und GAN Assurances, ein Versicherungsgeneralist für Privatkunden. Über diesen Geschäftszweig soll es bereits Gespräche mit den größeren Konkurrenten Axa, Allianz und CNP gegeben haben.

Die Euro-Krise stürzt Groupama seit Monaten in schwere Turbulenzen: Kurz nachdem S&P die Bonitätsbewertung des Konzerns im September schon einmal herabgesetzt hatte, wurde der damalige Chef Jean Azéma nach elf Jahren von den Eignern, regionalen Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit, gefeuert. Azéma war mit dem Plan gescheitert, Groupama an die Börse zu führen. Der neue Groupama-Chef Martel zeigte sich verärgert über die Drohgebärde von S&P. Obwohl der Silic-Verkauf bevorstehe, befördere die Ratingagentur „ungerechtfertigte Zweifel“. Erst am heutigen Montag sei S&P zum Gespräch mit ihm bereit. „Die Ratingprüfer tyrannisieren die Unternehmen.“

Auch deutsche Versicherer sind sehr stark bei Banken engagiert. Nach einer Untersuchung der Finanzaufsicht BaFin halten die zehn größten Gesellschaften bis zu 55 Prozent ihrer Kapitalanlagen bei Banken – den überwiegenden Teil aber nicht in Aktien, sondern in Anleihen und Darlehen. Abschreibungen auf Staatsanleihen trafen die Gesellschaften bislang nur moderat. Die dritte Krisenfolge, die Niedrigzinsen, wirkt sich allerdings mittelfristig umso heftiger aus.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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