Letzte Hoffnung Waffengewalt

Zum Schutz vor Piraten setzen Reeder Sicherheitskräfte ein – bislang nochohne den Segen der Bundesregierung. Auch die Versicherer fordern Wachleute anBord

Katrin Berkenkopf und

Patrick Hagen

Allein 15 getötete Seeleute, 450 Geiseln und 26 gekaperte Schiffe hat das internationale Piracy Reporting Centre in diesem Jahr in der Region vor Somalia verzeichnet. Die Piraterie bedroht eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten. Letzte Hoffnung für die Reeder ist jetzt der Einsatz bewaffneter Sicherheitskräfte an Bord.

Er habe nichts gegen private Wachleute auf deutschen Schiffen, sagte Verteidigungsminister Thomas de Maizière vergangene Woche beim Besuch der Atalanta-Mission in Dschibuti. Aber sie sollten zertifiziert sein. Bei deutschen Reedern sorgte das für Verwunderung. Schließlich warten sie seit Wochen vergeblich auf grünes Licht aus Berlin für eine Qualitätsprüfung der Sicherheitsdienste durch die Bundespolizei. Sie hoffen, dass es zum Jahreswechsel so weit ist.

„Wenn nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes alles blitzschnell geht, könnten die ersten zertifizierten Wachleute vier bis sechs Wochen später an Bord gehen“, sagt Max Johns vom Verband Deutscher Reeder (VDR). Denn Ausführungsbestimmungen, die den Ablauf der Zertifizierung regeln, existieren international bereits und müssten nur übernommen werden, sagt Johns. Tatsächlich wird es aber wohl länger dauern.

Schiffe unter deutscher Flagge haben bislang ein Problem mit dem Einsatz bewaffneter Sicherheitstrupps. Mittlerweile werde der Einsatz sogenannter Kriegswaffen zwar nicht mehr abgelehnt, aber auch nicht ausdrücklich erlaubt, die Reeder operierten deshalb in einer rechtlichen Grauzone, erklärt Johns. „Der Kapitän ist in einer furchtbaren Zwickmühle.“ Werde durch die zusätzlichen Kräfte etwa ein Pirat getötet, könne er vor Gericht Schwierigkeiten bekommen. Deshalb drängt die Branche auf eine rechtliche Klarstellung. Nach einer Umfrage von PricewaterhouseCoopers im Sommer setzt bereits rund ein Drittel der Reeder Sicherheitskräfte auf gefährlichen Passagen ein.

Eigner haben einzelne Schiffe schon unter andere Flaggen gebracht, um dem Konflikt auszuweichen. „Es waren bislang Einzelfälle, aber es muss etwas passieren, damit es nicht mehr werden“, fordert Johns. Laut der Umfrage hat fast die Hälfte der Reeder bereits Schwierigkeiten, ausreichend Besatzung für die Fahrt durch die berüchtigte Region zu finden. Dabei sperrten sich die Reeder selbst lange gegen die privaten Sicherheitsleute an Bord und forderten stattdessen einen Einsatz der Bundeswehr. Das aber lehnte die Bundesregierung ab. Mittlerweile sind die Sicherheitsunternehmen auch international die Lösung erster Wahl.

Bei den Transportversicherern gab es ebenfalls ein Umdenken. „Unsere ursprüngliche Einstellung zu dem Thema war, dass jedwede Bewaffnung möglicherweise zur Eskalation der Gewalt führt“, sagt Karl-Gerhard Metzner, Vorstand beim Versicherer HDI-Gerling. „Wir sind dann aber schnell eines Besseren belehrt worden, denn die Lage eskalierte trotzdem.“ Andere Handelsnationen machten bereits Erfahrungen mit der Bewaffnung. „Sie waren erfolgreicher bei der Piratenabwehr.“ Olaf Fölsch, Leiter des Bereichs Specialty Marine beim Versicherungsmakler Aon, pflichtet ihm bei: „Leider hat sich gezeigt, dass die Piraten die Versuche, verstärkt Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, mit verstärkter Gewalt beantwortet haben.“ Deshalb sei es angemessen, sich mit bewaffneten Wachleuten zur Wehr zu setzen. Auch die Versicherungsbranche drängt die Bundesregierung dazu, die rechtlichen Grundlagen für den Einsatz ausreichend ausgerüsteter Kräfte zu schaffen.

International haben sich verschiedene Organisation auf die Aufstellung von sogenannten Best Management Practices zum Schutz gegen Piraterie geeinigt. Sie enthalten auch eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen wie Stacheldrahtumzäunung, den Einsatz von Schaumkanonen, Aufstellung von Dummys, um den Eindruck von mehr Personal zu erwecken, oder die Einrichtung eines Schutzraums für die Crew. Diese Empfehlungen würden von den Reedern mittlerweile zu fast 100 Prozent eingehalten, sagt VDR-Sprecher Johns und weist damit Forderungen nach mehr Eigenschutz der Reeder zurück. „Wir gehen jedem Fall nach, bei dem es nicht so ist.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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