Transparenzoffensive nach Vertrauensverlust

Der Krach zwischen Industrie und Kreditversicherern vor drei Jahren wirkt noch nach. Jetzt drohen neue Kriseneinschläge. Mehr Offenheit soll helfen

Herbert Fromme und Jonas Tauber

Der Schadenaufwand der Kreditversicherer im Inland wird 2012 um 20 Prozent über dem Niveau von 2011 liegen, bei Lieferungen ins Ausland sogar um 40 Prozent. „Das haben unsere internen Vorhersagemodelle ergeben“, sagt Franz Michel, Deutschlandchef des französischen Kreditversicherers Coface. „Wir spüren schon jetzt, dass mehr Schäden gemeldet werden“, sagt er.

Die Finanzkrise hinterlässt Spuren – Firmen gehen pleite und können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. „Der Einbruch der Konjunktur in einigen Ländern könnte die Autoindustrie treffen und ihre Zulieferer“, sagt Michel. Teile der Energiebranche leiden unter der geänderten Förderpolitik der Bundesregierung. „Wir sehen Probleme im Solarbereich in Deutschland“, sagt Michel.

Eine Insolvenz macht in der Regel die Eigner eines Betriebs arm, aber nicht nur sie. Auch Lieferanten mit offenen Rechnungen müssen bluten. Oft kommt es zu Anschlusskonkursen. Hat der Lieferant aber eine Warenkreditversicherung abgeschlossen, muss sie einspringen. Zwar zahlt sie nicht den gesamten Schaden, die Versicherer bestehen immer auf einem Selbstbehalt. Aber ein größerer Teil des Ausfalls wird erstattet – wenn der Versicherer vorher Deckung für Lieferungen an den Kunden gewährt hat.

Coface will 2011 ein besseres Ergebnis in Deutschland erzielen als 2010. Damals verdiente das Mainzer Unternehmen 50 Mio. Euro vor Steuern. Weltmarktführer Euler Hermes rechnet ebenfalls mit einer Gewinnsteigerung, sagt Konzernchef Wilfried Verstraete. In den ersten neun Monaten 2011 verdiente die Pariser Allianz-Tochter 276 Mio. Euro, nach 256 Mio. Euro im Vorjahreszeitraum. Der Branche geht es nicht schlecht.

Die Industrie möchte deshalb weniger für ihre Kreditversicherung zahlen und verweist auf erstaunliche Zahlen. So hat Coface schon 2010 nur 29 Prozent der Prämieneinnahmen für Schäden aufgewandt, in der Warenkreditversicherung waren es sogar nur zehn Prozent. Euler Hermes weist in den ersten drei Quartalen 2011 eine Schadenquote von erfreulichen 42,1 Prozent auf. Doch der Marktführer bleibt hart. „Die Kunden können nicht verlangen, dass wir wegen des geringen Schadenaufwands 2011 die Preise senken“, sagt Verstraete. „Nur wenn der Topf groß genug ist, können wir Schäden zahlen.“

Die Branche hat aus dem Krach mit der Industrie 2008 und 2009 gelernt. Damals warfen Industrieverbände den Versicherern vor, mit willkürlichen Deckungskürzungen nach der Pleite der Bank Lehman Brothers zur Kreditklemme beizutragen. Daraufhin hatte die Bundesregierung sogar ein staatliches Notfallprogramm aufgelegt, das die privaten Deckungen ergänzen sollte – aber kaum genutzt wurde. Die Enttäuschung über die Streichung von Deckungen hatte Folgen. Einige Kunden haben sich ganz von der Kreditversicherung verabschiedet. „Die haben gesagt, diesen Zirkus machen wir nicht mehr mit“, berichtet Christoph Buchmann vom Freiburger Versicherungsmakler Südvers.

„Wir als Coface haben damals gar keine Deckungen zurückgezogen“, sagt Michel. „Und wir haben 2009 viel bezahlt, das waren 200 Mio. Euro an Schäden.“ Auch Verstraete und Atradius-Deutschlandchef Thomas Langen weisen den Vorwurf der willkürlichen Deckungskürzung zurück. Die drei großen Anbieter sind sich aber einig, dass 2008 etwas schiefgelaufen ist – vor allem in der Kommunikation. Das sieht Holger Tittko vom Deutschen Versicherungs-Schutzverband in Bonn genauso. „Eine bessere Kommunikation war unsere Forderung an die Warenversicherer“, sagt Tittko. Sein Verband vertritt die Industrie in Versicherungsfragen. Jetzt soll eine Transparenzoffensive der Versicherer helfen. „Wir wollen dem Kunden vermitteln, wie wir zu unserer Risikoeinschätzung kommen und wie er diese für sein Kreditmanagement nutzen kann“, sagt Langen von Atradius. Er will die Firmen besser darauf vorbereiten, wenn Atradius die Absicherung von Geschäften mit Abnehmern einschränken oder beenden will.

Dafür hat der Kreditversicherer bereits 2009 eine 30-tägige Frist eingeführt. „Wenn wir der Meinung sind, dass wir eine Deckung nicht mehr geben können, sagen wir das dem Kunden, und er bekommt in der Regel von diesem Zeitpunkt an den zugesicherten Schutz für weitere 30 Tage“, sagt Langen. Diese Vorlauffrist werde nur im Ausnahmefall verweigert, etwa wenn die unmittelbare Insolvenz droht.

Atradius bietet seinen Kunden ein Rating über ihre Abnehmer an. Es beziffert auf einer Skala zwischen null und 100, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Kunde seinen Verpflichtungen in den nächsten zwölf Monaten nicht nachkommt. Das Rating wird angepasst, zum Beispiel wenn die Quartalszahlen schlechter ausfallen als erwartet.

Neben einzelnen Ratings stellt Atradius eine Portfolioanalyse zur Verfügung. Damit kann ein Unternehmen per Onlinezugang einen Überblick über das gesamte Vertragsverhältnis erhalten. Ein Kuchendiagramm illustriert, wie viele Geschäftspartner ein Rating von null bis 20 oder von 40 bis 60 haben, oder wie viele von ihnen in Griechenland sitzen.

Euler Hermes und Coface haben ähnliche Ratingsysteme. Coface-Manager Michel will die Branche als wichtigen Helfer der Lieferanten verstanden wissen. „Wir warnen unsere Kunden vor bestimmten Geschäften, die in Wirklichkeit keine sind, weil sie mit hohen Verlusten enden“, sagt er. „Wir sind im permanenten Dialog, schließlich legen wir uns nicht schlafen, wenn wir einen Vertrag abgeschlossen haben.“ Der Kunde werde dauernd über Risikoveränderungen bei Geschäftspartnern unterrichtet.

Während sie sich auf härtere Zeiten vorbereiten, organisieren große Kreditversicherer ihre Unternehmen leise um. Euler Hermes legt 13 europäische Töchter in einer belgischen Unterholding zusammen und spart so Eigenkapital und Verwaltungskosten. Deutschland und Frankreich sind davon nicht betroffen.

Gleichzeitig führt Konzernchef Verstraete gerade die letzten Verhandlungen für das Gemeinschaftsunternehmen mit dem spanischen Marktführer Mapfre. Der spanische Markt ist mit 720 Mio. Euro Prämie der zweitgrößte in Europa, nur Deutschland ist mit 1,5 Mrd. Euro größer. Die französische Coface macht Tochtergesellschaften zu Niederlassungen, aus ähnlichen Überlegungen wie Euler Hermes mit seinem Europaprojekt. Alle großen Anbieter suchen Expansionsmöglichkeiten in Asien und Nordamerika – schon um ihre europäischen Kunden dorthin begleiten zu können.

Mit 6,4 Mrd. Euro weltweiter Prämie ist die Kreditversicherung eine kleine, aber feine Sparte. Der Marktanteil von 35 Prozent macht Euler Hermes zum klaren Marktführer, gefolgt von Coface mit 25 Prozent sowie Atradius und ihrer Muttergesellschaft CYC mit 23 Prozent. Auch die spanische CESCE, AIG/Chartis aus den USA, QBE aus Australien und Mapfre sind international präsent, in Deutschland ist die R+V sehr rege.

Indirekt am Geschäft beteiligen sich die Rückversicherer. Munich Re und Hannover Re spielen eine große Rolle, Swiss Re weniger. Die Schweizer hatten sich nach dem Lehman-Kollaps vollständig aus der Sparte zurückgezogen. Jetzt ist Swiss Re zwar wieder im Markt, kämpft aber um Akzeptanz. Wer sich einmal vollständig zurückziehe, werde nicht wieder mit offenen Armen empfangen, heißt es bei Kreditversicherern – eine Aussage, die deren Kunden aufhorchen lässt.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit