Burn-out ist nicht versicherbar

Eine Versicherung gegen emotionale Erschöpfung gibt es nicht – aber vor denFolgen kann man sich schützen

Anja Krüger

Vielleicht ist es eine Folge medialer Berichterstattung, vielleicht eine Art Epidemie: 76 Prozent der leitenden Angestellten beobachten in ihrem Umfeld die Zunahme beruflich bedingter Burn-outs. Das geht aus einer Umfrage des Deutschen Führungskräfteverbands hervor. Allerdings sind viele Manager von diesem Thema inzwischen genervt. Mehr als ein Drittel halten die Diskussion für übertrieben und überbewertet. Tatsächlich ist die Diagnose Burn-out umstritten. Das macht die Absicherung vor finanziellen Folgen schwierig. Dread-Disease-Versicherer versuchen, die Lücke zu füllen. Bei diesen Policen zahlt die Gesellschaft die vereinbarte Summe, wenn Ärzte eine der festgelegten Krankheiten diagnostizieren. Wer so einen Vertrag abschließen will, sollte genau hinschauen. Die Angst vor einem Burn-out jedenfalls sollte nicht ausschlaggebend sein.

Dread-Disease-Policen sind im Prinzip nichts anderes als Risikolebensversicherungen – mit dem Unterschied, dass die vereinbarte Summe nicht beim Tod des Kunden, sondern bei der Feststellung bestimmter Erkrankungen fällig wird. „Der Versicherer zahlt unabhängig davon, ob der Kunde später geheilt wird und wieder arbeiten kann“, sagt eine Sprecherin der Skandia, einem der großen Anbieter. Bei welchen Krankheiten gezahlt wird, wird im Vertrag festgelegt. Zum Standard gehören Krebs, Schlaganfall sowie Herz- und Kreislauferkrankungen. Die Skandia bietet dazu neuerdings eine Zusatzoption an, mit der Interessierte auch psychische Krankheiten absichern können. Vermarktet werden die Policen auch mit dem Hinweis auf Burn-out. Aber Vorsicht: Der Versicherer macht hier einen kleinen, aber feinen Unterschied. „Nicht das Burn-out ist versichert, sondern die Folgen“, sagt die Skandia-Sprecherin. „Es handelt sich nicht um eine Burn-out-Versicherung.“

Die „Folgen“ fallen unter „Einschränkung geistiger Leistungsfähigkeit“ durch Krankheiten wie Alzheimer, Präsenile Demenz oder Schizophrenie. Typische Burn-out-Erkrankungen wie Depression oder auch Angstzustände fehlen. „Es sind nicht alle psychischen Krankheiten aufgelistet, sondern deren Folgen“, erklärt die Sprecherin. Das sind unter anderem ein eingeschränktes Auffassungsvermögen, Konzentrationsstörungen, Orientierungslosigkeit oder die gestörte Fähigkeit zur Handlungsplanung. Bei Konzentrationsstörungen muss der Kunde einen Test machen, bei dem er mindestens so schlecht abschneidet wie die schlechtesten zehn Prozent der Durchschnittsbürger.

Beim Konkurrenten Gothaer können psychische Erkrankungen weder in der Standard- noch in der Komfortvariante versichert werden. Wettbewerber Canada Life bietet ebenfalls eine Zusatzoption zur Absicherung psychischer Erkrankungen an. Auch hier fallen sie unter „Erkrankungen des Geistes“ und nicht der Psyche. „Burn-out gilt nicht als vollständige Behandlungsdiagnose“, sagt eine Sprecherin von Canada Life. Die chronische Erschöpfung an sich ist auch hier nicht versichert, aber möglicherweise die Folgen wie eine Depression.

Auch wenn Mediziner davon ausgehen, dass anhaltender Stress und Überlastung im Job ein auslösender Faktor sein können, ist Burn-out keine anerkannte Berufskrankheit. Betroffene bekommen also kein Geld von der Berufsgenossenschaft, wenn sie aufgrund dieser oder auch einer anderen psychischen Krankheit nicht mehr arbeiten können.

Zumindest theoretisch können chronisch Erschöpfte, die eine private Berufsunfähigkeitsversicherung haben, auf eine Rente hoffen. „Hier sind psychische Erkrankungen mitversichert“, sagt Jens Trittmacher vom Bund der Versicherten. Im Leistungsfall müssen Kunden beweisen, dass sie wirklich berufsunfähig sind. Das ist schon bei physischen Erkrankungen sehr schwierig, bei psychischen erst recht. Und: Vorbelastete haben kaum die Chance auf eine bezahlbare Police. Wer einen Hörsturz erlitten oder eine Psychotherapie hinter sich hat, wird kaum einen umfassenden Schutz bekommen. Bei Gesundheitsfragen zu mogeln lohnt sich nicht. Der Versicherer bekommt es heraus.

Der Abschluss einer Berufsunfähigkeitspolice ist wegen des umfassenderen Schutzes sinnvoller als der einer Dread-Disease-Police, sagt Trittmacher. „Wer wegen einer Vorerkrankung keinen Berufsunfähigkeitsschutz bekommt, für den kann die Dread Disease eine Alternative sein“, sagt er. Der Gesundheitsprüfung entkommen Interessierte auch hier nicht.

Trittmacher rät Kunden mit Vorerkrankungen, bei einem Makler oder Versicherungsberater eine Marktrecherche in Auftrag zu geben. Sie können bei Versicherern Angebote einholen, ohne den Namen des Kunden zu nennen. Auf diese Weise geben Interessenten keine Informationen über sich preis. Die Versicherer speichern in einer zentralen Datei die Namen von Kunden, die keine Berufsunfähigkeitspolice bekommen haben.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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