Gothaer spart sich eigenes Risikomodell

Versicherer ist Genehmigungsprozess durch Finanzaufsicht zu teuer // MöglicheSignalwirkung für Wettbewerber

Herbert Fromme , Köln

Die Kölner Versicherungsgruppe Gothaer führt nun doch kein internes Risikomodell ein, um sich auf die neuen EU-Aufsichtsregeln Solvency II vorzubereiten. Entsprechende FTD-Informationen aus Finanzkreisen bestätigte die Gothaer. Stattdessen nutzt der Versicherungsverein das Standardmodell der Finanzaufsicht BaFin, um seine Geschäftsrisiken und den Kapitalbedarf daraus zu berechnen. Das wird billiger für Gothaer.

Gothaer-Chef Werner Görg ist ein Kritiker von Solvency II. Sein Verzicht auf das interne Modell könnte Vorbild für andere Versicherer werden. Ohnehin sieht die Branche das Regelwerk entspannter als noch vor zwei Wochen. Denn inzwischen hat der Fachausschuss des Europaparlaments Erleichterungen für Versicherer beschlossen, die gerade in Krisenzeiten den von vielen befürchteten zusätzlichen Kapitalbedarf abmildern.

Dennoch riskiert die Gothaer, dass sie nach Einführung von Solvency II 2013 spürbar mehr Kapital vorhalten muss als bei Nutzung eines internen Modells. Sie spart aber Millionen, die sie hätte aufwenden müssen, um ein zertifizierungsfähiges Modell zu entwickeln. Größere Versicherer müssen mit zweistelligen Millionensummen für Berater und Experten rechnen.

Interne Modelle muss die BaFin zertifizieren. Da Solvency II in der endgültigen Fassung in Brüssel noch nicht verabschiedet ist, können Versicherer noch keine Anträge auf Genehmigung stellen. Doch die BaFin hat einen Vor-Antragsprozess eingerichtet. Sie führt mit Interessenten Gespräche und prüft auch schon Teile der internen Modelle. Mit 24 Versicherern hat habe sie 2011 intensiv gesprochen, hieß es bei der BaFin. Bei sechs Gesellschaften habe sie 2011 geprüft, sieben weitere Prüfungen folgen 2012.

Aus diesem Prozess hat sich die Gothaer – mit 4,1 Mrd. Euro Prämien kein kleiner Versicherer – jetzt ausgeklinkt. „Wir haben uns nach einem ausführlichen Vorgespräch mit der BaFin für die Verwendung des Standardmodells entschieden“, sagte eine Sprecherin. Ein Grund seien die sehr hohen Aufwendungen.

Mit Solvency II will die EU die Aufsicht vereinheitlichen und die Branche krisenfester machen. Versicherer sollen künftig Eigenmittel je nach Risikoart vorhalten. Für die Berechnung des Kapitalbedarfs müssen die Versicherer Modelle nutzen. Für Tausende von Positionen werden die Risiken, mögliche Ausgleichsmechanismen und andere Faktoren zusammengefasst und ergeben den Risikokapitalbedarf. Das Standardmodell, das die Aufsicht in Zusammenarbeit mit der Branche erarbeitet hat, geht auf Besonderheiten einzelner Unternehmen nicht ein. Spezialversicherer, die im wesentlichen nur eine Sparte betreiben, sowie Rückversicherer benötigen deshalb zwingend interne Modelle.

Aber auch bei anderen Gesellschaften kann ein internes Modell spürbare Reduzierungen im Kapitalbedarf bringen. Die Gothaer hält sich diese Option deshalb offen. „Wir arbeiten daran, die im Konzern seit Jahren vorhandenen internen Modelle im Hinblick auf Zertifizierungsreife weiterzuentwickeln“, sagte die Sprecherin.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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