Zweifel an der Lebensversicherung

Munich-Re-Chef von Bomhard fürchtet, dass das System lange Niedrigzinsphasennicht aushält

Herbert Fromme , München

Munich Re zweifelt am Modell der deutschen Lebensversicherung. Es beruht auf jahrzehntelang gültigen Zinsgarantien für die gesamte Laufzeit von Verträgen. „Das Modell ist nicht für eine Tiefzinsphase gebaut worden“, sagte Nikolaus von Bomhard, Vorstandschef des weltgrößten Rückversicherers, gestern bei der Vorstellung der Jahresbilanz des DAX-Konzerns. „Unter den Gesichtspunkten Risiko und Profitabilität ist das das schwächste Glied in der Kette“, sagte er. „Die Lebensversicherung ist unsere größte Herausforderung.“

Dem Konzern gehören die beiden großen Lebensversicherer Ergo und Victoria. Als in den 90er-Jahren Verträge mit lebenslangen Zinsgarantien von vier Prozent ausgegeben wurden, lagen die Marktzinsen bei sieben Prozent, heute sorgen Zinssätze von deutlich unter vier Prozent für Probleme. „Man konnte sich damals so etwas nicht vorstellen“, sagte von Bomhard mit Blick auf den Finanzmarkt. „Wir sind die Leidtragenden der Stützungspolitik der Notenbanken, die die Zinsen tief halten“, kritisierte er. Zwar könne Ergo das Niedrigzinsniveau zehn Jahre aushalten. Aber die Zinsentwicklung habe teilweise pulverisiert, was durch den Unternehmensumbau erreicht wurde.

Im vergangenen Jahr musste der Konzern einen scharfen Gewinneinbruch hinnehmen – nach 2,4 Mrd. Euro 2010 verdiente Munich Re nur noch 712 Mio. Euro. Hauptgrund dafür waren die Belastungen durch schwere Naturkatastrophen vor allem in Japan sowie Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen. Die Zahlen hatte der Konzern bereits Anfang Februar bekannt gegeben.

Von Bomhard zeigte sich trotz des Gewinneinbruchs zufrieden mit der Gesamtsituation des Konzerns. Für das laufende Jahr gab der Munich-Re-Chef das Ziel aus, den Gewinn auf rund 2,5 Mrd. Euro zu verdreifachen.

„Wir sind in das Jahr 2012 viel besser gestartet als in das Vorjahr“, sagte der Konzernchef. Auch im fünften Jahr der Finanzkrise sei ein Ende nicht abzusehen, doch sei die Ansteckungsgefahr einzelner Krisen heute geringer.

Munich Re habe die Krise gut bewältigt, fügte er hinzu. Deshalb will der Rückversicherer eine unveränderte Dividende von 6,25 Euro auszahlen, insgesamt 1,1 Mrd. Euro. Das wird vor allem US-Investor Warren Buffett freuen: Mit 11,2 Prozent ist er der größte Anteilseigner.

Im Kerngeschäft Rückversicherung erwartet Munich Re deutliche Preiserhöhungen vor allem für Katastrophendeckungen. Bei den Kapitalanlagen will der Konzern verstärkt in Infrastrukturprojekte investieren. Doch müsse dafür das von der EU geplante Aufsichtsrecht Solvency II geändert werden, verlangte Finanzchef Jörg Schneider. „Anderenfalls müssen wir Infrastrukturinvestitionen mit 40 Prozent Eigenkapital unterlegen, genauso wie Aktien“, sagte er. Versicherer und Rückversicherer übernehmen will von Bomhard aber nicht. „Die Preise waren auch durch die Krise hindurch durchweg zu hoch“, sagte der Konzernchef.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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