Argusaugen auf griechische Geschäftspartner

Kreditversicherer prüfen nicht nur Firmen, sondern auch deren Hausbankengenau

Anja Krüger

Die nicht abreißenden schlechten Nachrichten aus Griechenland mag kaum noch jemand hören. Doch wer Geschäftspartner dort hat, kann das Geschehen nicht einfach ignorieren. Mit großem Unbehagen verfolgen Manager aus Unternehmen, die griechische Geschäftspartner haben und Waren liefern, die Lage. Sie fürchten, auf ihren Rechnungen sitzen zu bleiben, weil ihre Abnehmer pleitegehen. Dagegen können sich Exporteure versichern, und das wollen gerade jetzt viele. „Wir erhalten verstärkt Anfragen von Unternehmen, die in Griechenland engagiert sind“, sagt Christoph Witte, Deutschland-Chef des Kreditversicherers Delcredere.

Kreditversicherer springen ein, wenn der Belieferte wegen Insolvenz nicht zahlt. Muss der Empfänger einer Ware die Rechnung nicht sofort begleichen, sondern erst Wochen nach Erhalt der Ware, bekommt er von seinem Lieferanten eine Art Kredit. Für den Zulieferer ist damit aber ein Risiko verbunden. Ist sein Kunde pleite, geht er leer aus. Dann springt der Kreditversicherer ein. Bei einer Insolvenz seines Kunden muss der Lieferant aber immer einen Teil des Rechnungsausfalls selbst tragen, meistens um die 20 Prozent. Ob es mehr ist, hängt von der jeweiligen Risikoeinschätzung des Kreditversicherers ab.

„Die Mehrheit der Anfragen an uns kommt von den Kunden anderer Kreditversicherer“, sagt Witte. Delcredere ist seit 2007 in Deutschland aktiv und gehört mit Prämieneinnahmen von weltweit 87 Mio. Euro im Jahr 2010 zu den kleinen Spielern im Markt. Zahlen für den deutschen Markt nennt das Unternehmen nicht. „Wir haben ganz stark von der Zurückhaltung der Wettbewerber in der Krise 2008/2009 profitiert“, sagt er.

Zahlungsausfälle nehmen zu Dass sich das im Fall Griechenland wiederholt, erwartet er nicht. Wie die Wettbewerber fährt Delcredere eine vorsichtige Annahmepolitik. Ein Konkurrent ist allerdings ganz aus dem Geschäft mit Hellas-Risiken ausgestiegen: die französische Coface. „Für deutsche Unternehmen besteht in Griechenland ein sehr hohes wirtschaftliches und politisches Gefahrenpotenzial, das uns ein weiteres Engagement momentan nicht mehr ermöglicht“, sagt Coface-Deutschland-Sprecher Erich Hieronimus. „Die aktuelle wirtschaftliche und politische Situation in diesem Land ist nicht mehr überschaubar.“ Die Zahlungsausfälle nehmen nach den Beobachtungen des Versicherers mit steigender Dynamik zu. Risiken müssten kalkulierbar bleiben, sagt er. „Das ist in Griechenland derzeit nicht mehr gegeben.“

Diese Sichtweise ist aber eine Ausnahme. Die anderen Kreditversicherer von Atradius bis Zurich haben sich nicht generell aus Griechenland zurückgezogen. Auch wenn sie zurückhaltender sind und sich Risiken sehr, sehr genau anschauen. „Die wirtschaftliche Lage der Unternehmen ist sehr unterschiedlich“, sagt Atradius-Deutschlandchef Thomas Langen. Betriebe, die sich früh auf den Export konzentriert haben, stehen nicht unbedingt schlecht da. Firmen, die Verpackungsmaterial für Spargel oder Erdbeeren an griechische Firmen liefern, haben weniger Grund zur Sorge als die, die Maschinen zum Herstellen von Textilien exportieren. Stark gefährdet sind Unternehmen, die auf die Binnennachfrage angewiesen sind und auf Konsumgüter wie Unterhaltungselektronik setzen. „Wichtig ist, die schlechten von den guten Risiken zu unterscheiden“, sagt Langen. In der Athener Niederlassung von Atradius arbeiten 20 Mitarbeiter, die sich vor Ort ein genaues Bild machen.

Gerade jetzt haben die Kreditversicherer für die Kunden der deutschen Exporteure eine wichtige Funktion. „In der angespannten Lage wird der Lieferantenkredit noch wichtiger, als er ohnehin ist“, sagt Langen. Durch den Lieferantenkredit erhöhen die Geschäftspartner der deutschen Exporteure ihre Liquidität. Das ist in der derzeitigen Krise für griechische Betriebe sehr wichtig. Denn frisches Geld zu bekommen, ist schwierig. Gerade das macht es für deutsche Lieferanten noch komplizierter, die Stabilität ihrer Abnehmer einzuschätzen. „Unsere Kunden erwarten, dass wir sie warnen, wenn sich die Lage verschlechtert“, sagt er. Ist ein Abnehmer extrem gefährdet, senken die Versicherer ihre Deckungszusage, der Selbstbehalt steigt. Kappen die Gesellschaften den Schutz ganz, geben sie ihren Kunden in der Regel 30 Tage Zeit, um zu reagieren. „Der Kunde hat dann die Möglichkeit, sich andere Sicherheiten zu suchen, wie zum Beispiel Vorkasse zu verlangen“, sagt Langen. Steht der Abnehmer unmittelbar vor der Pleite und der Versicherer bekommt das mit, ist die Deckung für künftige Lieferungen sofort weg.

Unmut bei KundenDeshalb kommt es zwischen Griechenland-Exporteuren und Versicherern durchaus zu kontroversen Diskussionen, weiß Marc-Peter Büchler vom Großmakler Aon. „Es gibt Unmut bei den Kunden, wenn auch bei Weitem nicht in dem Ausmaß wie 2008/2009“, sagt er. Die Kreditmanager in den Unternehmen sehen an ihren Zahlungseingängen, was mit ihren Kunden in Griechenland oder auch einem der anderen höher verschuldeten Staaten wie Spanien, Portugal oder Italien los ist. Sie haben ein gewisses Verständnis für Versicherer, die genau prüfen und im Zweifelsfall die Deckung drosseln. „Aber sie möchten ihre Waren am liebsten versichert liefern“, sagt er. Schließlich sind viele an langlaufende Verträge gebunden, bei Rohstofflieferungen sind Einjahresverträge üblich, aus denen der Lieferant nicht einfach aussteigen kann. Alles Gewünschte zu versichern, ist nicht unbedingt möglich, erst recht nicht in der erhofften Höhe. „Ein massives Streichen der Deckungen hat es aber nicht gegeben“, sagt Büchler. „Damit rechnen wir auch nicht.“

Die Versicherer haben gelernt, mit so einer Krise umgehen, davon ist der Makler überzeugt. „Sie haben ihre Instrumente für die Risikoprüfung verbessert“, sagt er. Überzog ein Kunde früher das Zahlungsziel, nahm der Versicherer das zur Kenntnis. Passierte sonst nichts, unternahm er auch nichts. Heute schrillen alle Alarmglocken, wenn eine Firma nicht rechtzeitig zahlt. Die Versicherer prüfen die Zahlen der Abnehmer viel häufiger. Eine Besonderheit in Griechenland: Die Kreditversicherer schauen sich nicht nur Auftragslage und Bilanzen der Abnehmer ihrer Kunden an. „Sie prüfen auch, wie stabil deren Hausbank ist“, sagt Büchler. Bekommt die Hausbank kein frisches Geld mehr, steht es um das Unternehmen schlecht.

Auch Versicherungsschutz für Exporte nach Spanien, Portugal oder Italien ist nicht leicht zu bekommen. Aber hier sind noch alle Kreditversicherer ansprechbar, auch Coface. „In den anderen von der Schuldenkrise stark betroffenen südeuropäischen Ländern prüfen wir natürlich besonders aufmerksam, haben aber keine Komplettausschlüsse“, sagt Coface-Sprecher Hieronimus.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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