Cash für offene Rechnungen

Der Factoring-Umsatz steigt. Eigenkapitalanforderungen treiben die Preise

Jonas Tauber

Könnte Hans Kaspers offene Rechnungen nicht an seinen Factoringanbieter verkaufen, könnte er seine Mitarbeiter oft nicht bezahlen. „Seit zehn Jahren sind überfällige Rechnungen Normalität“, sagt er. Zuvor sei die Zahlungsmoral deutlich besser gewesen. Kaspers vermittelt über seine Kölner Zeitarbeitsfirma HK Personal-Dienste kurzfristig Arbeitskräfte an Großwäschereien, Logistikfirmen oder Betriebe aus anderen Branchen. Kann er die Arbeiter am Ende des Monats nicht bezahlen, gefährdet das sein Geschäftsmodell.

Beim Factoring kaufen spezialisierte Finanzdienstleister Unternehmen ihre offenen Forderungen ab. Einen festgelegten Anteil des Nennwerts – das können 60 Prozent oder auch mehr als 80 Prozent sein – gibt es sofort, den Rest dann, wenn der Schuldner bezahlt hat. Das Factoring-Unternehmen berechnet der Firma dafür Gebühren und Zinsen für den Zeitraum, bis der Kunde zahlt. Ein Unternehmen kann so flüssig bleiben, auch wenn Abnehmer nicht zahlen.

Das hat aber seinen Preis. Die Factoringgebühr bewege sich derzeit in einer Größenordnung zwischen 0,15 Prozent und 1,5 Prozent des Umsatzes, sagt Joachim Secker, Vorstandsvorsitzender von GE Capital Deutschland, einem der größten Factoringanbieter. Zusätzlich zum üblichen Bankenzins wollen die Anbieter außerdem eine Finanzierungsgebühr von einem bis 1,5 Prozent auf die vorgestreckte Summe.

Kaspers Firma gehört mit 8 Mio. Euro Jahresumsatz zu den mittelgroßen Unternehmen in Deutschland. Sie waren lange Zeit nicht die typischen Kunden von Factoringfirmen. Das hat sich geändert, inzwischen gelten kleinere und mittlere Unternehmen als Wachstumstreiber der Branche.

Auch deshalb sind 2011 Umsatz und Kundenzahl der Factoringbranche deutlich gestiegen. Der Umsatz der 24 Anbieter, die im Deutschen Factoring-Verband (DFV) organisiert sind, stieg um knapp 19 Prozent auf 157 Mrd. Euro. Die Unternehmen stehen für mehr als 90 Prozent des Umsatzes der gesamten Branche, sagt DFV-Geschäftsführer Alexander Moseschus. „Factoring ist 2011 erstmals im Endkundengeschäft angekommen. Das gab es vorher nicht“, sagt Moseschus. Einzelne Firmen kauften etwa Forderungen, die aus dem Handel über Internetplattformen entstehen.

Deutschland bietet Factoringanbietern noch viel Potential, glaubt Carlo Ries von der Maklerfirma Südvers. Impulse könne vor allem der Export geben. Allerdings müssten Kreditversicherer weiterhin Lieferungen ins Ausland decken. „Derzeit zeichnen die Kreditversicherer wieder, aber wir beobachten gleichzeitig eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Ländern wie Spanien oder Portugal“, sagt Ries.

Factoringanbieter kaufen nur Forderungen aus Lieferungen auf, die ein Kreditversicherer absichert. Die Kreditversicherer entscheiden darüber, für welche Abnehmer in welchen Branchen und Ländern sie Schutz gewähren, indem sie deren Bonität bestimmen. Zu diesem Zweck pflegen sie umfassende Datenbanken.

Factoring selbst ist teurer geworden, sagt Makler Ries. Er schätzt den Preisanstieg für die letzten zwölf Monate über alle Branchen hinweg auf zwischen 20 und 30 Prozent. „Ein wichtiger Grund dafür ist, dass Basel III auf Forderungen mehr Eigenkapital vorschreibt“, sagt Ries. Deshalb sei auch künftig mit Prämienanhebungen zu rechnen. Steigerungen in dieser Höhe gebe es nur in Einzelfällen, sagt dagegen Secker von GE Capital Deutschland. Er schätzt den Preisanstieg auf zwischen zwei und 10 Prozent. Im Grunde sei Factoring zu billig zu haben, glaubt Secker.

Kunden nicht verschreckenDie Bielefelder Textilfirma Seidensticker ist seit 2002 Kunde von GE Capital. Seidensticker stellt Markenkleidung her, vor allem Hemden – zum Beispiel für Camel Active. Das Unternehmen produziert außerdem für große Kleiderketten wie Peek & Cloppenburg und forciert den Aufbau eigener Einzelhandelsgeschäfte. Der jährliche Gesamtumsatz liegt bei 200 Mio. Euro.

Factoring ist sehr wichtig für das Geschäft mit Großhandelskunden, sagt Jens Wächter, Leiter Finanzen bei Seidensticker. Das Unternehmen finanziere darüber rund 25 Prozent seines Bedarfs an Liquidität. Die Firma nutzt Factoring nur zur Finanzierung. Positiver Nebeneffekt: Die verkauften Forderungen verschwinden aus der Bilanz. Das führt zu einer besseren Bewertung durch Banken und verringert die Kosten für Kredite.

Andere Unternehmen übertragen auch das Forderungsmanagement an den Factoring-Anbieter. Das heißt, sie schicken selbst keine Mahnungen mehr an säumige Schuldner, sondern überlassen das dem Geschäftspartner. Das ist vor allem für kleinere Unternehmen interessant, sagt der Kölner Finanzwissenschaftler Thomas Hartmann-Wendels. Für sie lohne sich der Aufwand für Buchhaltung, Rechnungs- und Mahnwesen oft nicht.

Seidensticker macht das lieber selbst. Schließlich kenne man die Kunden und wolle sie nicht durch Dienstleister verschrecken. „Die Kunden sind das wichtigste Gut, das wir haben“, sagt Wächter. „Deshalb pflegen und betreuen wir sie selbst.“ Erst wenn der Mahnbescheid nicht fruchtet, gibt die Firma eine Forderung an ein Inkassounternehmen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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