Hoffen auf die Torschlusspanik

Bevor einheitliche Verträge für Männer und Frauen kommen, wollen Versicherer noch möglichst viele Policen losschlagen

Anja Krüger, Friederike Krieger

und Jonas Tauber

Die Vertriebstruppen der Versicherungswirtschaft bringen sich mal wieder für einen Sonderverkauf in Stellung. „Türöffner Unisex-Tarife – Wie ,sexy` ist das für den Vertrieb?“ heißt eine Veranstaltung, mit der der Maklerpool Fonds Finanz zurzeit durch Deutschland tourt. Maklerpools sind Dienstleister für Versicherungsvermittler und haben großes Interesse daran, dass diese viel verkaufen, weil bei ihnen immer etwas hängen bleibt.

Das Problem: Ist etwas für Verkäufer sexy, ist es für Anleger meistens ziemlich unsexy. Als Türöffner beim Kunden betrachtet die Branche die Umstellung der Tarife. Ab dem 21. Dezember 2012 dürfen Versicherer nur noch Verträge ohne Unterscheidung nach dem Geschlecht anbieten, sogenannte Unisextarife. Das schreibt der Europäische Gerichtshof vor.

Frauen müssen bislang für die gleiche Monatsrente bei einer privaten Rentenpolice deutlich mehr zahlen als Männer, auch private Krankenversicherungen sind für sie teurer. Die Anbieter begründen das mit der statistisch gesehen höheren Lebenserwartung von Frauen. In der Risikolebensversicherung müssen Frauen für die gleiche Leistung weniger Prämie als Männer zahlen, weil sie im Durchschnitt älter werden.

Bei einer Risikolebensversicherung ist die Lage übersichtlich. Hier zahlt der Kunde die Prämie für eine festgelegte Versicherungssumme. Stirbt er, erhalten die Angehörigen dieses Geld. Darüber hinaus gibt es nichts. Für Frauen werden die Policen ab dem 21. Dezember dieses Jahres teurer, für Männer billiger. Nach Einschätzung des Marktführers in der Risikolebensversicherung, der Generali-Tochter Cosmosdirekt, werden sich die neuen Unisextarife in der Mitte zwischen den heutigen Beiträgen für Männer und Frauen einpendeln. „Wir glauben nicht, dass die Beiträge insgesamt steigen werden“, sagt ein Sprecher.

Das ist in der privaten Rentenversicherung anders. Manager und Versicherungsmathematiker haben angekündigt, dass die neuen Preise für Männer und Frauen nicht einfach in der Mitte der heutigen geschlechtsspezifischen Verträge liegen. Sie wollen kräftige Sicherheitszuschläge in die neuen Tarife einbauen. Es könnte also sein, dass die Prämien für Frauen nicht günstiger werden. Für Männer wird es aber teurer. Darauf zielen die Verkaufsargumente der Verkäufer.

„Die Vertriebe versuchen, aus Unisex eine Sales-Story zu entwickeln“, sagt Anwalt Hans-Ludger Sandkühler, Vorsitzender des Bundesverbands der mittelständischen Versicherungs- und Finanzmakler. Er hält pauschale Empfehlungen an Verbraucher in dieser Frage für falsch. Nur wer sowieso eine Versicherung abschließen will, und auch bereit ist, sich etwa bei einer privaten Rentenversicherung sehr lange finanziell zu binden, sollte den Unisexeffekt nutzen, empfiehlt er.

In der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) ist noch unklar, wer mit Prämienerhöhungen rechnen muss. Helmut Hofmeier, Chef der Gothaer Lebensversicherung, erwartet, dass Frauen bei einheitlichen Tarifen bis zu zwölf Prozent höhere Beiträge zahlen müssen. Derzeit seien ihre Prämien niedriger als die der Männer, weil ihr Risiko geringer sei, berufsunfähig zu werden. „Die Frauen werden die Beiträge der Männer subventionieren“, meint Hofmeier.

Ganz anders sieht das Klaus Helm vom Versicherer Stuttgarter. Seiner Ansicht nach stellen Frauen ein höheres Risiko dar und zahlen deshalb schon heute oft mehr. „Tendenziell ist daher eher damit zu rechnen, dass Männer durch die Unisextarife schlechtergestellt werden“, sagt er. Verbraucher müssen künftig also noch genauer auf die verschiedenen Angebote schauen als heute.

Die Wand zwischen Bi- und Unisexwelt ist allerdings keineswegs hermetisch abgeriegelt. Darauf macht der Versicherer Continentale aufmerksam. Der Versicherer sieht sich als „Unisexretter“. Er hat einen neuen Tarif auf den Markt gebracht, mit dem ein jetzt abgeschlossener Vertrag auf jeden Fall geschlechtsspezifisch bleibt. Das ist nicht selbstverständlich, sagt ein Sprecher. „Die allgemeinen Versicherungsbedingungen der meisten Lebensversicherer sehen vor, dass Verträge automatisch an die aktuellen Bedingungen angepasst werden, wenn der Kunde etwas ändert“, erläutert er.

Wollen Kunden mit einem für sie günstigen herkömmlichen Männervertrag die Rentenversicherung mit einer Sonderzahlung nach dem 21. Dezember 2012 aufpeppen, wird der Vertrag automatisch zu einem Unisextarif. Sie hätten somit nichts von einem Abschluss auf den letzten Drücker gehabt.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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