In guten wie in schlechten Zeiten

Die Assekuranz wünscht sich mehr Verlässlichkeit von ihren Rückversicherern

Friederike Krieger

In der Finanzkrise war das Wehklagen groß: Unternehmen warfen Kreditversicherern vor, ihre Deckungen gerade dann zusammenzustreichen, wenn sie den Schutz am nötigsten gebraucht hätten. Wenn Kreditversicherer über ihre eigene Absicherung sprechen, warten sie mit ähnlichen Vorhaltungen auf. Sie fordern mehr Durchhaltevermögen von den Rückversicherern. „Es kommt immer wieder vor, dass sich Gesellschaften zur Unzeit aus dem Markt verabschieden“, sagt Manfred Haag, Finanzchef des Kreditversicherers Coface Deutschland. „Es ist wichtig, einen zuverlässigen Pool an Rückversicherern zu haben, die nicht bei jedem Wind das Boot verlassen.“

Kreditversicherer wie Coface, Euler Hermes und Atradius schützen Unternehmen vor dem Risiko, dass einer ihrer Kunden pleite geht und seine Rechnungen nicht mehr zahlen kann. Kreditrückversicherer decken wiederum die Erstversicherer ab. Verglichen mit anderen Rückversicherungssparten ist der Markt recht übersichtlich. „Das Volumen des rückversicherten Geschäfts liegt weltweit bei unter 5 Mrd. Euro“, schätzt Nick Ayres vom Rückversicherungsmakler Aon Benfield. Die Rückversicherer sind hier sehr nah am eigentlichen Risiko, da es in der Sparte viele Quotenrückversicherungsverträge gibt. Dabei beteiligen sich die Gesellschaften an jedem Risiko und jedem Schaden mit einem festen Prozentsatz und treten nicht erst dann in Aktion, wenn eine gewisse Schadensumme überschritten ist. Insofern haben die Gesellschaften den drastischen Anstieg bei den Schäden im Zuge der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers 2008 hautnah miterlebt.

Viele Rückversicherer haben ihre Kapazitäten danach deutlich reduziert. Für Furore sorgte insbesondere die Swiss Re, die sich 2009 zu großen Teilen aus dem Markt verabschiedete. Das Prämienvolumen des Rückversicherers im Kredit- und Kautionsgeschäft sank innerhalb eines Jahres von rund 900 Mio. Dollar auf 350 Mio. Dollar. „Es war nicht so, dass wir kein Geschäft mehr zeichnen wollten, die Reduzierung erfolgte aufgrund eines temporären Kapitalengpasses unserer Firma“, erklärt Adrian Kärle von der Swiss Re. Da Kreditrückversicherung besonders kapitalintensiv ist, landete sie als erste auf der Streichliste.

Der Teilrückzug hat die Branche erschüttert. „Swiss Re hatte einen großen Marktanteil und war an vielen Programmen beteiligt,“ sagt Makler Ayres. „Die Tatsache, dass solch ein Unternehmen einfach über Nacht beschließen kann, die Kapazitäten so stark zu reduzieren, hat viele Marktteilnehmer überrascht und geschockt.“

Der Vorfall habe zu einem Umdenken geführt. „Kreditversicherer wollen sich nicht mehr nur auf ein bis zwei Rückversicherer verlassen“, sagt er. Auch Aon Benfield rät seinen Kunden verstärkt zu einem ausgeglichenen Rückversicherungsportfolio, damit ihnen in solch einer Situation nicht die Deckung wegbricht.

Neue Lust auf das GeschäftGenug Auswahl haben die Rückversicherungskunden heute wieder. Die Zurückhaltung der Branche währte nicht lange. „Zwischen 2009 und 2010 sind die Raten deutlich gestiegen, teilweise bis zu 40 Prozent, während die Schäden deutlich gesunken sind“, sagt Jan Müller von der Hannover Rück. Die Erkenntnis, dass Kreditrückversicherung doch profitabel sein kann, hat den Firmen wieder Lust auf das Geschäft gemacht. „In den vergangenen 18 Monaten sind fünf bis zehn neue Spieler in den Markt eingetreten, und etablierte Kreditrückversicherer haben neuen Appetit entwickelt“, sagt Müller. „Es bestehen momentan klare Überkapazitäten.“

Das kann auch Haag von Coface bestätigen. „Bei der Vertragserneuerung Anfang 2012 haben mehr Rückversicherer an unsere Tür geklopft als wir hereinlassen konnten“, sagt er.

Zu den Newcomern zählen der auf Bermuda beheimatete Rückversicherer Catlin und der Londoner Anbieter Novae Re, die in Zürich Niederlassungen eröffnet haben. Auch die Swiss Re hat ihre Kapazitäten wieder erhöht. „Seit 2010 zeichnen wir wieder mehr Geschäft, aber nicht in dem Umfang wie früher“, sagt Swiss Re-Mann Kärle. Die Prämieneinnahmen im Kredit- und Kautionsgeschäft liegen jetzt bei 500 Mio. Dollar.

Der höhere Konkurrenzdruck und die niedrigen Schäden haben die Preise für Rückversicherungsschutz wieder sinken lassen. „Bei den Preisen sind wir nach der Erneuerung 2012 wieder in normalem Fahrwasser angelangt“, sagt Müller von der Hannover Rück. Die Prämien seien momentan ein bisschen höher als vor der Krise 2008. „Das ist aber auch gerechtfertigt, weil das wirtschaftliche Umfeld derzeit nicht einfach ist“, sagt er. Als Hauptherausforderungen sieht Müller die weltweit steigenden Insolvenzzahlen und die Tendenz hin zu größeren Schäden.

Neue HerausforderungenCoface-Finanzchef Haag erwartet, dass die Bedeutung der Rückversicherer durch die neuen EU-Eigenkapitalregeln Solvency II steigen wird. „Es wird mehr Rückversicherungsschutz vonnöten sein, weil die Eigenkapitalanforderungen unter Solvency II deutlich anders sind als heute“, sagt Haag. Er rechnet damit, dass vor allem die bonitätsstarken Gesellschaften profitieren werden. „Gut geratete Namen sind wichtig, denn letztendlich dient die Rückversicherung als Eigenkapitalersatz“, sagt er.

Mittelfristig müssen sich Rückversicherer aber auf sinkende Umsätze einstellen. Der Trend zu Quotenrückversicherungsverträgen kehrt sich um. „Der Anteil wird immer kleiner und kleiner“, sagt Haag. Stattdessen bevorzugen Erstversicherer sogenannte Excess of Loss-Deckungen, die erst bei Großschäden greifen. „Wenn man gutes Geschäft hat, will man das nicht mit Dritten teilen“, erklärt Haag. Denn bei der Quotenrückversicherung tragen die Rückversicherer nicht nur einen Teil der Schäden, sondern erhalten auch einen Teil der Prämien.

Auch Ayres beobachtet diesen Trend seit rund fünf Jahren. „Diese Entwicklung wird sich fortsetzen“, sagt er. „Wie weit das gehen wird, ist aber schwer zu sagen.“ Manche Rückversicherer gewähren nur Excess of Loss-Deckungen, wenn der Kunde auch einen Teil als Quote zeichnet.

Der Trend zu mehr Excess of Loss-Deckungen ist für die Rückversicherer ein zweischneidiges Schwert. „Die Verträge waren bisher im allgemeinen sehr profitabel, weil es den Kreditversicherern meist gelungen ist, große Schäden zu vermeiden“, sagt Ayres. Andererseits sind die Preise für diesen Schutz nicht sonderlich hoch, sodass das Prämienvolumen magerer ausfällt als bei Quotenverträgen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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