Schutz vorm Kollaps ist günstig zu haben

Kreditversicherer kämpfen mit niedrigen Preisen um Marktanteile. Trotzdem sprudeln ihre Gewinne kräftig

Herbert Fromme

Die deutschen Konjunkturforscher hätten allen Grund, die Hand voll spezialisierter Kreditversicherer genau zu beobachten. Denn diese kleine, feine Branche, ausgestattet mit aktuellsten Datensätzen über Millionen von Unternehmen, setzt seit Monaten auf eine positive Konjunkturentwicklung – auch wenn aus ihrer eigenen Mitte immer wieder Warnungen vor einer möglichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage kommen.

Der wichtigste Indikator für die gigantische Wette der Versicherer auf wirtschaftlichen Sonnenschein zumindest in Deutschland sind die Preise für die Warenkreditversicherung. Wie in kaum einer anderen Versicherungssparte schwanken die Preise mit den Konjunkturerwartungen der Gesellschaften. Und zurzeit sind die Deckungen günstig zu haben, berichtet Rudolf Servatius, Chef dieser Sparte beim Wiesbadener Versicherer R+V: „Gerade um die großen Kunden gibt es heftige Konkurrenz und starken Druck auf den Preis“, sagt er. „Der Markt ist sehr schwierig.“

Schon im Dezember 2011 warnte Wilfried Verstraete, Chef des Weltmarktführers Euler Hermes, die verehrte Kundschaft vor zu viel Druck in Richtung niedrigere Prämien. „Wenn die Preise sinken und die Wirtschaftslage sich im Laufe des Jahres 2012 dreht, dann können wir als Versicherer nur noch mit einer Reduzierung des Risikos reagieren“, so Verstraete. Aber zu sinkenden Preisen gehören immer zwei: Industriekunden, die niedrigere Prämien fordern, und Versicherer, die das mitmachen. Marktkenner berichten, dass auch Euler Hermes durchaus flexibel war, als es um die Verträge für 2012 ging.

Gewaltige Summen Warenkreditversicherer verlieren eine Menge Geld bei Insolvenzen. Aber 2011 gab es nur wenige Großpleiten, vor allem der Druckmaschinenbauer Manroland geriet in die Schlagzeilen. 2012 könnte schlimmer ausgehen. Der Schaden durch den Holzwerkstoffhersteller Pfleiderer geht in die Millionen, bei der Drogeriekette Schlecker erwartet die Branche sogar rund 100 Mio. Euro. Firmen, die Babynahrung oder Shampoo an Schlecker geliefert haben, können auf Erstattungen von den Kreditversicherern hoffen – wenn sie denn eine Police hatten. Mindestens 20 Prozent des Verlustes müssen sie selbst tragen. Aber für die anderen 80 Prozent können sie sich auf Überweisungen freuen.

Das von den Versicherern abgedeckte Liefervolumen ist gewaltig. 2011 belief es sich auf satte 339 Mrd. Euro, deutlich über den 312 Mrd. Euro des Jahres 2010.Wenn die Kreditversicherer jetzt trotz Wolken am Konjunkturhimmel günstige Preise bieten, kann das nur heißen: Sie sind davon überzeugt, dass die Eintrübung nicht allzu schlimm wird und sie die zu erwartenden Schäden gut wegstecken können .

Die Gewinnchancen sind fantastisch. Beispiel Euler Hermes: Die Allianz-Tochter meldete für 2011 eine Schaden- und Kostenquote von 74 Prozent. Pro Prämien-Euro musste der Versicherer mit Hauptsitz in Paris nur 46 Cent für Schäden ausgeben, Vertrieb und Verwaltung kosteten weitere 28 Cent – zusammen 74 Cent. Bei globalen Prämieneinnahmen von 1,9 Mrd. Euro läppert sich das. Euler Hermes lieferte seinen Aktionären einen operativen Gewinn von 455 Mio. Euro ab. Die guten Zahlen für 2011 sind keine Ausnahme. Im Jahr davor lag die Schaden- und Kostenquote bei 72 Prozent, der Gewinn betrug 445 Mio. Euro. Bei den Rivalen des Marktführers sieht es ähnlich aus.

Industrie will PreisnachlässeDie deutschen Kreditversicherer – einschließlich Kautions- und Vertrauensschadenversicherung – nahmen 2011 1,6 Mrd. Euro an Prämien ein, ein leichtes Plus von 4 Prozent. Die genaue Schadenhöhe steht noch nicht fest. „Wir rechnen mit 700 Mio. Euro für den Markt“, sagt Ralf Meurer, Deutschlandchef von Euler Hermes und Vorsitzender der Kommission Kreditversicherung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Dazu habe Manroland maßgeblich beigetragen. Im Vorjahr waren es 658 Mio. Euro. „Das ergibt für 2011 eine Schadenquote von 44 Prozent“, sagt Meurer.

Das führt zu interessanten Diskussionen mit der Kundschaft. „Die Finanzchefs und Versicherungsexperten der Industrie sehen solche Zahlen und drängen auf Preisnachlässe“, weiß R+V-Experte Servatius.

2008 und 2009 mussten die Kreditversicherer leiden. Damals führte der Zusammenbruch der Lehman Brothers zu einer Pleitewelle. Die Schaden- und Kostenquote bei Euler Hermes lag plötzlich bei 110,4 Prozent der Beitragseinnahmen. Obwohl das immer noch überschaubar ist, reagierten einige Kreditversicherer panisch. Sie kündigten in großem Stil Deckungen auf. Die Industrie war empört und setzte sogar ein Notfallprogramm der Bundesregierung durch, das aber kaum in Anspruch genommen wurde.

Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt. „Der Markt nimmt heute mehr Kreditversicherung in Anspruch als vor der Krise“, sagt Meurer. „Natürlich gab es Unternehmen, die gesagt haben, wir probieren das jetzt mal ohne Kreditversicherung.“ Aber viele seien zurückgekommen.

Bei den Kreditversicherern hat sich viel bewegt. „Wir halten heute einen viel engeren Kontakt zu unseren Kunden und informieren sie sehr aktuell zu möglichen Änderungen in unseren Deckungszusagen“, sagt Andreas Tesch, Vorstand bei Atradius. Außerdem hätten Kunden jetzt 30 Tage Zeit, bevor eine Reduzierung des Versicherungsschutzes greift. Auch Euler Hermes hat die Nachlauffrist eingeführt. „Diese Möglichkeit wird oft in Anspruch genommen, aber nicht immer“, sagt Meurer.

„Wir haben damals ohnehin keine Deckungen flächendeckend für ganze Branchen gekündigt“, sagt R+V-Experte Servatius. Es gelte weiterhin, dass jeder Kunde auch nach Aufhebung von Deckungen durch R+V bei bereits geschlossenen Verträgen Abnehmer beliefern könne. In der Industrie gibt es Zweifel, ob die Stimmung so kuschelig bleibt, wenn die Euro-Krise zu drastisch steigenden Insolvenzzahlen bei europäischen Nachbarn führt. Coface hat schon alle Deckungen für Lieferungen nach Griechenland gekündigt. Noch sorgt der Wettbewerb für Alternativen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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