Versicherer dringen auf schnelle Zinswende

Niedrige Kapitalerträge machen der Branche große Sorgen //Lebensversicherungen mit besseren Absatzzahlen als erwartet

Ilse Schlingensiepen , Berlin

Die deutschen Versicherer fordern eine Umkehr in der europäischen Geld- und Zinspolitik, um eine Inflation und neue zerstörerische Blasen an den Kapitalmärkten zu vermeiden. „Die Zentralbanken müssen ihre expansive Geldpolitik zurückfahren, die aufgebaute Liquidität wieder abbauen und monetäre Rahmenbedingungen für eine vernünftige Entwicklung langfristiger Zinsen schaffen“, sagte Rolf-Peter Hoenen, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Die aktuelle Strategie gehe zulasten der Kunden in der Lebensversicherung und anderer Formen der Altersvorsorge. „Ein effektiver Zinsrückgang von einem Prozent spiegelt sich unmittelbar in einem Rückgang der Kapitalanlageergebnisse der Versicherer von rund 1 Mrd. Euro bei den Neuanlagen wider“, sagte Hoenen. Die Kapitalanlage gehöre zu den größten Herausforderungen für die Unternehmen. Das gilt vor allem für die Lebens- und die Krankenversicherer, die ihren Kunden für lange Zeiträume Leistungsversprechen geben.

Die Versicherer und ihre Kunden hätten einen erheblichen Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Krise geleistet, indem sie die Folgen der Niedrigzinspolitik schultern, sagte Wolfgang Weiler, Chef der HUK-Coburg und Vorsitzender des GDV-Kapitalanlageausschusses. Deshalb erwarteten sie auch ein Entgegenkommen der Politik.

Es ergebe keinen Sinn, dem Lastesel immer weitere Lasten aufzubürden, nur weil er bisher alles geschultert habe. „Wenn der Esel einmal tot ist, kann man ihn nicht wieder zum Leben erwecken“, warnte er. Weitere Erleichterungen erhofft er sich von der Eigenkapitalrichtlinie Solvency II und der Novelle des Versicherungsaufsichtsgesetzes.

Die deutschen Versicherer haben Kapitalanlagen von rund 1300 Mrd. Euro. Davon entfielen Ende 2011 allein 743 Mrd. Euro auf Lebensversicherer. Bei ihnen liegt der Schwerpunkt mit 89 Prozent in Rentenpapieren – die von den Niedrigzinsen besonders betroffen sind. Aktien machten gerade einmal drei Prozent aus, Immobilien vier Prozent.

„Wir wollen mehr in die Breite gehen“, sagte Weiler. Er monierte die hohen Sicherheitsanforderungen der Aufsicht bei neuen Investitionsfeldern und forderte vereinfachte Möglichkeiten für Kapitalanlagen in erneuerbaren Energien, Infrastrukturprojekten, der besicherten Mittelstandsfinanzierung, Immobilien sowie gesicherten Anleihen.

2011 hat die Branche dennoch besser abgeschnitten als noch vor wenigen Monaten prognostiziert. Der Einbruch bei den Einmalbeiträgen in der Lebensversicherung fiel geringer aus als befürchtet, der Absatz von Policen gegen laufenden Beitrag übertraf die Erwartungen – trotz fallender Zinsen. Im vergangenen Jahr haben die Lebensversicherer eine Nettorendite von 4,2 Prozent auf ihre Kapitalanlagen erzielt, sagte Maximilian Zimmerer, Vorstandschef der Allianz Leben und Vorsitzender des Hauptausschusses Lebensversicherung. „Die durchschnittliche Verzinsung wird in absehbarer Zeit unter vier Prozent fallen.“ Genauer wurde er nicht.

Die Lebensversicherung war 2011 die einzige Sparte mit einem Prämienrückgang – um 3,9 Prozent auf 87 Mrd. Euro. Insgesamt buchten die Versicherer 178 Mrd. Euro Prämie, 0,4 Prozent weniger als 2010. Ursprünglich war der GDV von einem Minus von 1,2 Prozent ausgegangen.

In der Schaden- und Unfallversicherung verzeichneten die Unternehmen zwar erstmals seit Jahren wieder ein spürbares Wachstum um 2,7 Prozent auf 57 Mrd. Euro. Da aber gleichzeitig auch die Schadenzahlungen deutlich anstiegen, verschlechterte sich die Profitabilität. Der GDV erwartet Preiserhöhungen, vor allem in der Autoversicherung.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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