Allianz zieht es in die Dritte Welt

Münchner Versicherer und US-Bargeldspezialist Western Union vereinbarenKooperation

Herbert Fromme , Köln

Der weltgrößte Versicherer Allianz vertreibt seine Policen künftig auch über das Geldtransferunternehmen Western Union. Der Münchner DAX-Konzern werde Finanzprodukte entwickeln, die der US-Anbieter von weltweitem Bargeldtransfer vertreiben soll, teilten die Unternehmen mit, die eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet haben.

Auch wenn über die Details noch gesprochen wird, ist klar, worauf die Allianz abzielt: das rasante Wachstum in den Entwicklungsländern. Dort will der Konzern über Western Union künftig Lebens-, Kranken- und Schadenversicherungen verkaufen. In Deutschland wird die Allianz kaum über Western Union verkaufen, wohl aber können ihre Kunden dort günstigere Preise bekommen, wie es heißt.

Zunächst wird es bei der Kooperation um kleine Summen gehen. Dennoch kann die Verbindung für die Allianz bedeutsam werden. Die Kernmärkte in Westeuropa oder Nordamerika sind gesättigt, um die etablierten Versicherungsgesellschaften in den begehrten Wachstumsmärkten Osteuropas und Asiens schlagen sich die großen Anbieter. Da ist es folgerichtig für die Allianz, mit Western Union den Weg in die Städte und auf das platte Land in ärmeren Ländern zu suchen und dort die neu entstehenden Mittelschichten anzusprechen.

Western Union aus Greenwood Village im US-Bundesstaat Colorado ist weltgrößter Anbieter im Markt für Bargeldtransfers. Das Unternehmen betreibt 495 000 Vertreterbüros in 200 Ländern. Auch in Deutschland ist Western Union mit zahlreichen Büros vertreten, meistens in Bahnhofsnähe. Gegen eine happige Gebühr schickt Western Union in Minutenschnelle Bargeld in die meisten Länder der Welt, wo es persönlich an die Adressaten ausgehändigt wird – im Jahr 2011 insgesamt 226 Millionen Mal. Dabei verschickten Kunden 62 Mrd. Euro, ohne ein eigenes Bankkonto zu haben.

Von der Partnerschaft mit der Allianz und anderen Versicherern erhofft sich Western Union, die zahlreichen persönlichen Kundenkontakte besser zu nutzen. „Wir werden unsere Marke und unser Netz von 500 000 Büros besser nutzen“, sagte Vorstandschef Hikmet Ersek. Western Union sucht auch deshalb neue Umsatzbringer, weil es beim Kerngeschäft Konkurrenz durch neue Anbieter mit Handykonten oder Internetdiensten spürt.

Beliebt ist die Dienstleistung bei Familien aus ärmeren Ländern, von denen ein Mitglied in Europa oder Nordamerika arbeitet. Die Zahlungen an die Angehörigen sind oftmals nur über einen Dienstleister wie Western Union zu arrangieren. Banküberweisungen dauern viel zu lange, außerdem haben viele Familien ohnehin kein Konto. Das Geld wird bar eingezahlt und ebenso bar ausgezahlt.

Billig ist der Versand aber nicht. Um 400 Euro von Deutschland nach Marokko oder Tunesien zu schicken, sind 30 Euro Gebühren fällig. Bei 1000 Euro beträgt die Gebühr immer noch 42,50 Euro. Außerdem gibt es Kritik an den Wechselkursen, mit denen Western Union arbeitet, sowie an angeblich laxen Personenkontrollen. Betrüger verwenden gerne Bargeldtransferfirmen, wenn sie Opfern am Telefon vorgaukeln, Verwandte seien im Ausland verunglückt und bräuchten dringend Bargeld. Heiratswillige werden mit der Bitte um Reisekosten für die angebliche Braut abgezockt.

Kommentar: Seite 25

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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