Im Notstand

Die Krise der Banken ist die Chance der Versicherer. Die gehen neue Wege beimAnlegen ihrer Kundengelder

Herbert Fromme , Köln, Tim Bartz

und Karsten Röbisch, Frankfurt

Die deutschen Versicherer stehen täglich vor einer Herausforderung, die wie ein Luxusproblem wirkt. Werktäglich müssen sie 1 Mrd. Euro anlegen, insgesamt rund 240 Mrd. Euro pro Jahr. Geld, das ihre Kunden neu einzahlen. Und Geld aus Anleihen und anderen Wertpapieren, die ablaufen oder die der Versicherer verkauft.

Jahrzehntelang war das kein Problem. Mehr als 80 Prozent festverzinsliche Papiere, davon der größte Teil Bundesanleihen, Schuldscheindarlehen der Banken, dazu Aktien, Immobilien und etwas exotischere Produkte – fertig war der Mix.

Doch heute funktioniert das nicht mehr. Bundesanleihen werfen weniger als zwei Prozent ab, mit Griechenland-Anleihen hat sich die Assekuranz die Finger verbrannt. Entsprechend misstrauisch beäugt sie hochverzinsliche Papiere aus Südeuropa. Und Aktien sind seit der Aktienkrise 2001 bis 2003 nur noch in homöopathischen Dosen zu finden. Entsprechend niederschmetternd sind die Ergebnisse.

Noch kann zum Beispiel die Munich Re 3,6 Prozent Rendite erwirtschaften und das Ergebnis durch Verkäufe von Wertpapieren aufhübschen. Aber, so sagt Jörg Schneider, Finanzchef des DAX-Konzerns: „Bei Neuanlagen erwirtschaften wir 2,9 Prozent.“

Jahr für Jahr frisst sich der Niedrigzins weiter in die Bestände hinein, Jahr für Jahr wird es schwerer, die Garantiezinsen zu verdienen, die die Munich-Re-Töcher Victoria Leben und Ergo Leben ihren Kunden versprochen haben und die immer noch mehr als drei Prozent betragen. So geht es letztlich allen Lebenversicherern.

Die Assekuranz sucht daher dringend nach Alternativen. Die Kapitalanlagen müssen möglichst durch Realwerte besichert sein, ihr Wert darf kaum schwanken. Stattdessen müssen sie einen ordentlichen Cashflow bringen. Dabei will die Branche eher langfristig als kurzfristig anlegen und noch einen ordentlichen Zins erzielen. Das verlangt die neue Aufsichtswelt, deren Regeln (Solvency II) gerade umgesetzt werden.

Das Credo lautet: Je schwankungsanfälliger ein Papier und je weniger Sicherheiten es bietet, desto mehr Eigenkapital muss ein Versicherer vorhalten.

„Viele Versicherer versuchen, in Immobilien, Infrastruktur oder privatisierte staatliche Aktivitäten zu investieren“, sagt Wolfgang Weiler. Er ist in Personalunion Chef von HUK-Coburg sowie des Ausschusses für Kapitalanlagen im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Was das sein kann? Tunnel oder ein Stück Autobahn zum Beispiel. „Da hat man 15 bis 20 Jahre den Cashflow, dann gibt man es dem Staat zurück, das ist für den Versicherer bei Vertrauen in einen stabilen Rechtsrahmen vernünftig“, sagt Weiler.

Auch Nikhil Srinivasan, Chief Investment Officer von Allianz Investment Management, setzt auf Gewerbeimmobilien und Infrastruktur. „Wir glauben, dass wir in diesen Sektoren eine höhere Verzinsung erzielen können als bei der Anlage in Staatsanleihen.“ Dabei lege die Allianz Wert auf langfristige Positionen. „Wir wollen nicht wie eine Bank agieren.“

Die neuen Geschäftschancen der Versicherer spiegeln vor allem die Probleme der Banken wider. Viele Geldhäuser müssen ihre Bilanzsummen drastisch und in Windeseile schrumpfen: als Kompensation für Staatshilfen, oder weil sie auf Druck der Aufsicht ihre Kapitaldecke stärken müssen. Was technisch klingt, hat ganz konkrete Folgen: Banken vergeben kaum noch neue Kredite, verlängern alte nicht oder versuchen, sie mit Abschlägen weiterzuverkaufen. All das schont ihr Eigenkapital – und lässt Raum für Versicherer.

Doch so wichtig diese Projekte auch sind – sie lösen das Hauptproblem der Versicherer nicht. Denn mehr als die Hälfte der Kapitalanlagen der Assekuranz liegen bei Banken, und die Versicherer brauchen die Geldhäuser als Großabnehmer ihrer Anlagen. Jetzt suchen sie neue Spielregeln. „In der Vergangenheit haben sich die Banken auch mithilfe von Schuldscheindarlehen bei den Versicherern refinanzieren können, die im Prinzip unbesichert waren, auch wenn es gewisse Sicherheitseinrichtungen gibt“, sagt Weiler von HUK-Coburg. „Das geht heute nicht mehr, kein Versicherer vergibt noch ungesicherte Darlehen an Banken.“

Abgesehen von wenigen Instituten, die solche Papiere gelegentlich noch platzieren könnten, sei der Markt tot. „Das ist kein Problem für die Banken, solange sie Liquidität von der Europäischen Zentralbank erhalten“, so Weller. Doch die Institute müssen darüber nachdenken, wie sie in ein paar Jahren ihr Kreditgeschäft refinanzieren. „Wir diskutieren mit den Banken darüber, wie werthaltige Besicherungen von Darlehen aussehen könnten, möglichst in standardisierter Form“, sagt Weiler.

Die Verhandlungen seien nicht einfach. „Wir bohren ein sehr dickes Brett.“ Eine aus Sicht der Assekuranz vielversprechende Möglichkeit: Die Banken könnten Bestände kleinerer Kredite, die sie an Mittelständler vergeben haben, zusammenfassen und verbriefen. Die Versicherer würden dann Kreditbestände als Sicherheit für Darlehen erhalten. „Wir reden dabei nicht über strukturierte Produkte alten Zuschnitts, sondern über werthaltiges Vermögen, das insolvenzfest außerhalb des Restvermögens der Bank liegt“, sagt der HUK-Chef.

Bei den Banken stößt Weiler dabei nicht nur auf Widerstand. „Ich kann mir vorstellen, dass Banken den Versicherern künftig Kreditportfolios vermitteln“, sagt Jürgen Fitschen, designierter Co-Chef der Deutschen Bank.

Quelle: Financial Times Deutschland


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