Warten auf den Boom

Unternehmer zeigen zunehmend Interesse daran, ihren MitarbeiternKrankenversicherungen anzubieten. Davon versprechen sich alle etwas: Betriebe,Belegschaft – und die Versicherer

Ilse Schlingensiepen

Was in den USA, Frankreich oder Großbritannien schon gang und gäbe ist, fristet in Deutschland noch ein Schattendasein: Krankenversicherungsschutz über den Arbeitgeber. Dabei gilt die betriebliche Krankenversicherung als gute Möglichkeit, um Mitarbeiter zu gewinnen oder zu binden. Für Versicherer, Berater und andere Anbieter entsteht ein lukrativer neuer Markt.

„Die Bedeutung der betrieblichen Krankenversicherung als attraktive Komponente im Gesamtpaket betrieblicher Nebenleistungen wird sicher weiter zunehmen“, sagt Michael Braun, Leiter des Bereichs Health Insurance beim Beratungsunternehmen Mercer, das zu Marsh & McLennan gehört, einem der weltweit größten Versicherungsmakler.

„Wir bekommen inzwischen viele Anfragen zur betrieblichen Krankenversicherung“, sagt Braun. Die Unternehmen zahlen entweder die Policen für ihre Mitarbeiter, oder sie verschaffen ihnen über den Betrieb Zugang zu Angeboten mit besseren Bedingungen und günstigeren Prämien als auf dem freien Markt. „Bei den Anfragen ist das Verhältnis zwischen arbeitgeberfinanzierten Varianten und arbeitnehmerfinanzierten 50 zu 50.“

Arbeitnehmervertreter begrüßen solche Angebote. Sie fordern ohnehin ein verstärktes Engagement der Firmen bei der betrieblichen Gesundheitsförderung.

Die meisten Policen sind anders als sonst in der privaten Krankenversicherung (PKV) ohne Alterungsrückstellungen kalkuliert, mit denen Beitragssteigerungen im Alter abgefedert werden. Sie sind deshalb deutlich günstiger, laufen aber in der Regel nicht lebenslang. „Das ist keine komplett andere Welt, aber eine Krankenversicherung mit einer besonderen Ausprägung“, sagt der Direktor des PKV-Verbands Volker Leienbach. „Es gelten andere Spielregeln.“ Bei vielen betriebsgebundenen Angeboten arbeiten die Versicherer mit einer erleichterten Gesundheitsprüfung oder sie verzichten darauf. In der Regel können sich auch Familienangehörige versichern – zwar auf eigene Kosten, aber zu günstigen Konditionen.

Für ihre Mitarbeiter schließen die Firmen am häufigsten Zahnzusatzversicherungen ab. Beliebt sind wie im sonstigen Markt auch Policen für die bessere Versorgung im Krankenhaus oder für Vorsorgemaßnahmen, die von den gesetzlichen Kassen nicht bezahlt werden. Viele Arbeitgeber entscheiden sich für Kombiprodukte.

„Die Nachfrage nimmt zu“, sagt Michael Kurtenbach, Vorstandsvorsitzender der Gothaer Krankenversicherung. Das gelte besonders für die Kernklientel des Versicherers, den Mittelstand. Die Gothaer ist wie einige wenige andere Gesellschaften schon länger in dem Geschäftsbereich unterwegs. Sie verzeichnet dort doppelt so hohe Zuwächse wie beim Verkauf von Zusatzpolicen an Einzelpersonen. „Es ist ein Geschäftsfeld mit einem großen Marktpotenzial“, sagt Kurtenbach.

Das erklärt, warum sich immer mehr PKV-Unternehmen dort engagieren wollen. Im Kerngeschäftsfeld der Branche, der Vollversicherung, wird die Luft immer dünner. Viele Politiker stellen das Nebeneinander von gesetzlichen Krankenkassen und privaten Versicherern inzwischen infrage. „Die PKV ist ein Symbolthema, das für die Entwicklungsrichtung der Gesellschaft steht“, sagt Verbandsdirektor Leienbach. Die zentrale Frage sei: „Will man mehr in Richtung Einheitslösung oder steht man zu Pluralität und Wettbewerb und damit zu den Unterschieden?“

Die PKV steht nicht nur wegen solcher Grundsatzfragen unter Druck von Politikern und Verbraucherschützern. Dazu hat auch eine Reihe hausgemachter Probleme beigetragen: Billigpolicen mit geringem Leistungsumfang, exorbitant hohe Provisionszahlungen und stark steigende Beiträge bei älteren Versicherten.

Neue Angebote“Die allgemeine politische Lage hat bei unserer Entscheidung für die betriebliche Krankenversicherung keine Rolle gespielt“, betont jedoch Christian Molt, Vorstand der Allianz Private Krankenversicherung. „Wir sehen in diesem Feld einen Wachstumsmarkt, an dem wir teilhaben wollen.“ Der Versicherer bietet seit dem 1. April Firmenpolicen an – nach einem erfolgreichen Pilotversuch.

Der Versicherer hatte verstärkt Anfragen von Kunden aus der betrieblichen Altersversorgung bekommen, die ein Pendant in der Krankenversicherung suchen. „Wir wollten hier unseren Firmenkunden ein gleichrangiges Angebot an die Hand geben“, sagt Molt. Die Allianz hat für das Geschäftsfeld Vermittler geschult und die gesamten Arbeitsprozesse neu auf die Arbeitgeber als Kunden ausgerichtet. Der Umgang mit den Policen soll für sie so einfach wie möglich sein. „Wir haben uns entschieden, mit komplett neuen Tarifen auf den Markt zu gehen und nicht mit unseren bisherigen Zusatzversicherungen.“ Dazu zählt ein Tarif, der bestimmte Vorsorgeleistungen deckt, zum Beispiel den Check-up. „Er wird im Markt sehr gut angenommen, weil die Unternehmen erkennen, dass sie über die Vorsorge nicht nur ihrer sozialen Verantwortung nachkommen, sondern auch die Fehlzeiten reduzieren.“

Die Debeka, nach der Zahl der Versicherten der größte Krankenversicherer, bereitet für das kommende Jahr den Einstieg in das Segment vor. Zurzeit könne der Versicherer interessierten Unternehmen nur die Policen anbieten, die er ohnehin im Programm hat, sagt Debeka-Chef Uwe Laue. „In Zukunft wird es individuelle Bausteine für Arbeitgeber geben.“

Die betriebliche Altersversorgung habe sich inzwischen in den Betrieben durchgesetzt. „Die betriebliche Krankenversicherung wird mittelfristig denselben Stellenwert bekommen“, erwartet er. „Das ist eines der Zukunftsthemen schlechthin, und deshalb werden wir es weiterentwickeln.“

Die Hallesche Krankenversicherung ist schon länger in dem Bereich aktiv. Jetzt sei sie mit einem neuen Produkt auf dem Markt, wirbt Vorstandsmitglied Wiltrud Pekarek. Die Firmen können ihren Mitarbeitern feste Zuschüsse anbieten, zum Beispiel 500 Euro beim Zahnersatz oder 180 Euro bei der Brille. „Der Arbeitgeber sieht eine bestimmte Summe vor und entscheidet aufgrund der Zusammensetzung der Belegschaft, welches Paket er abschließen möchte.“

Der feste Zuschuss habe den Vorteil, dass der Mitarbeiter den Wert der betrieblichen Zusatzleistung sofort erkennt. Der Arbeitgeber kann die Leistung auch Mitarbeitern geben, die bereits privat versichert sind, sie ist unabhängig vom Alter oder Geschlecht. „Das entspricht dem Gleichbehandlungsgebot innerhalb der Firma“, sagt Pekarek.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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