Niedrigzins quält Krankenversicherer

Beiträge für Neukunden könnten stark steigen // Branche will Leistungenverbessern // Pflege-Bahr kann teuer werden

Ilse Schlingensiepen , Berlin

Die privaten Krankenversicherer gehen angesichts anhaltender Niedrigzinsen ein Tabuthema an: Künftig könnte der Rechnungszins für die Alterungsrückstellungen, der seit Jahren bei 3,5 Prozent liegt, für neue Verträge gesenkt werden. Das sagte Reinhold Schulte, Vorsitzender des Verbands der privaten Krankenversicherung (PKV), bei der Jahrestagung in Berlin. Die Konsequenz: Neukunden müssten deutlich mehr für die private Krankenversicherung zahlen.

Die Branche habe zurzeit keine Probleme, die 3,5 Prozent zu verdienen, sagte Schulte, der im Hauptberuf Chef der Signal Iduna ist. 2011 seien es sogar im Schnitt rund vier Prozent gewesen. Doch dann fügte er an: „Wir müssen diskutieren, ob wir bei neuen Tarifen eventuell einen geringeren Zins einsetzen.“

Mit dem Rechnungszins verzinsen die PKV-Unternehmen die Alterungsrückstellungen, also den Teil der von den Kunden gezahlten Prämien, der angespart wird. Damit sollen hohe Beitragssteigerungen im Alter abgefedert werden. Wird der Rechnungszins gesenkt, müssen die Versicherer zum Ausgleich die Prämien erhöhen. Weil sie wegen der Beitragsexplosion ohnehin unter Druck steht, scheute die Branche bisher davor zurück.

Führende PKV-Manager räumen aber inzwischen ein, dass viele Gesellschaften nicht mehr lange in der Lage sein werden, die 3,5 Prozent zu verdienen. Bislang kann in einem solchen Fall die Finanzaufsicht BaFin Versicherer zur individuellen Absenkung des Zinses zwingen. Das hat sie in Einzelfällen getan. Betrifft das aber immer mehr Unternehmen, wird eine generelle Absenkung sinnvoll.

Die immer wieder erhobene Kritik an Preissteigerungen in der PKV wies Schulte zurück. Es gebe zwar Ausreißer, aber von einer generellen Beitragsexplosion könne keine Rede sein. Problematisch sei allerdings die Gruppe zwischen 50 und 60 Jahren, bei der es relativ hohe Anstiege gebe. „Hier arbeiten wir derzeit an einer Lösung.“ Details nannte er nicht.

Die PKV ist zurzeit im Verteidigungsmodus. So werfen Kritiker der Branche vor, dass viele Privattarife schlechtere Leistungen vorsehen als die der gesetzlichen Krankenkassen. Die Reaktion: Eine Mehrheit der Unternehmen will zum Jahreswechsel einen Mindeststandard für den Leistungsumfang einführen. In erster Linie geht es um die Einbeziehung ambulanter Psychotherapie und Hilfsmitteln wie Rollstühle, die heute oft ausgeschlossen sind.

Bei der von der Regierung geplanten Förderung von privaten Pflegezusatzpolicen – dem sogenannten Pflege-Bahr – dringt die PKV auf die schnelle Festlegung der Bedingungen bis Ende August. Nach den Plänen der Koalition soll der Abschluss von privaten Pflegezusatzpolicen ab 2013 mit 5 Euro im Monat gefördert werden. Die Unternehmen sollen jeden Interessierten ohne Gesundheitsprüfung und ohne Risikozuschläge aufnehmen. Diese Abweichung von den PKV-Kalkulationsprinzipien führt dazu, dass geförderte Policen teurer werden könnten als die bisherigen Angebote. „Die vorgesehenen 5 Euro pro Person und Monat sind sehr knapp bemessen“, sagte Schulte.

Nach Angaben von Verbandsdirektor Volker Leienbach scheint die Branche mit dem Wunsch nach schlanken Prozessen bei der Politik Gehör zu finden. Es zeichne sich ab, dass die Policen nicht zertifiziert werden, sondern nur Musterbedingungen des Verbands entsprechen müssen. Außerdem soll die Zulage einmal pro Jahr gezahlt werden.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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