Streit um die Trendwende

Die Anbieter von Deckungen für Großkonzerne haben bei Autoflotten massivePreiserhöhungen durchgesetzt. Damit ist allerdings nicht ausgemacht, dass dieBranche jetzt in allen Sparten die Prämien anheben kann

Herbert Fromme und

Friederike Krieger

Die Assekuranz wittert Morgenluft in der hart umkämpften Industrieversicherung. In einem Teilbereich, der Versicherung der betrieblichen Autoflotten, gelang es ihr, für 2012 erhebliche Preissteigerungen durchzusetzen. „Sanieren“ heißt das in der Fachsprache – eine Sparte mit Verlust wird durch höhere Preise und härtere Bedingungen in die schwarzen Zahlen gebracht. Jetzt wollen die Versicherer das in der Haftpflicht- und Sachversicherung wiederholen.

„Der Erfolg ihrer Bemühungen um Sanierungen in der Flottenversicherung hat der Assekuranz gezeigt, dass Preiserhöhungen durchaus möglich sind“, sagt Rüdiger Barth, Kfz-Experte beim Versicherungsgroßmakler Aon. Er fürchtet jetzt den Preisangriff auf breiter Front.

Die großen Kunden sehen das gelassen. Bei den Vertragsverhandlungen für 2012 „erlebten wir weiterhin ein grundsätzlich entspanntes Geschehen mit zum Teil weiter nachgebenden Prämien“, stellt Philipp Andreae, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Versicherungs-Schutzverbands, fest. Hier hat sich die Industrie zur Durchsetzung ihrer Interessen in Versicherungsfragen zusammengeschlossen. In allen Bereichen der Haftpflicht gingen die Preise nach unten, auch wenn gelegentlich Risiken intensiver geprüft würden. „Im Sachversicherungsbereich gab es ebenfalls keine durchgreifenden generellen Marktveränderungen oder Verhärtungen“, sagt Andreae – trotz der für Versicherer hohen Schäden aus den Naturkatastrophen von 2011.

Die Prämien für Deckungen von Konzernen stagnieren seit Jahren, zum Ärger der Assekuranz. Allerdings sind die Industrieversicherer kaum notleidend. Die beiden Marktführer Allianz Global Corporate & Specialty und HDI-Gerling Industrie verdienen deutlich besser als ihre Schwestern im Privatkundensegment.

Seit Jahren gibt es das gleiche Ritual auf Fachkonferenzen: Die Versicherer jammern, dass die Preise nicht ausreichten, der Markt „weich“ sei und dringend Abhilfe geschaffen werden müsse. Die Industrie wirft den Versicherern vor, keine ausreichende Deckung für neue Risiken bereitzustellen, hält die Preise für angemessen und droht damit, mehr Risiken selbst zu schultern. Danach trinkt man zusammen ein Bier.

Bei dieser Routine werden tatsächliche Veränderungen leicht übersehen. Das geht aber bei der Autoflottenversicherung nicht mehr. Die Streitfrage: Ist das der Durchbruch für die gesamte Industrieversicherung – oder eine isolierte Sparte, die sich schon immer durch hohe Schwankungen auszeichnete? Erste Antworten können Ende 2012 kommen, wenn die Verträge für 2013 verhandelt werden.

Bei den Kfz-Flotten tut sich was, mit gutem Grund. Im vergangenen Jahr lag die Schaden-Kostenquote bei 114 Prozent. Das heißt, die Versicherer mussten jeden eingenommenen Prämieneuro mit 14 Cent bezuschussen. Zwar nehmen sie Kapitalerträge ein, die das versicherungstechnische Minus ausgleichen oder mildern können. Aber die fallen in Zeiten niedriger Zinsen immer geringer aus. „Einige Versicherer haben sich schon ganz aus der Zeichnung großer Flotten verabschiedet“, sagt Makler Barth.

Aus Angst, Kunden an Wettbewerber zu verlieren, haben sich Anbieter lange Zeit nicht getraut, die Preise zu erhöhen. Das ist heute anders. „Früher war die Flottenversicherung ein Einkäufermarkt, in dem die Versicherer viel akzeptiert haben“, sagt Barth. „Es zählten eher Umsatz- und Marktanteilswachstum als die Erlöse.“

Die Trendwende setzte 2011 mit voller Wucht ein. Obwohl die Verträge meist erst zum Jahresende neu verhandeln werden, verlangten etliche Versicherer auch schon mitten im Jahr Zuschläge, trotz massiver Proteste von Kunden. Bei den regulären Erneuerungen ging es in diesem Takt weiter. „Bei manchen Kunden verlangten die Versicherer den doppelten Beitrag“, sagt Barth. Insgesamt seien die Preise im Schnitt zwischen zehn und 15 Prozent gestiegen. Auch wer keine hohen Schäden hatte, kam nicht ungeschoren davon. „Hier haben Versicherer versucht, über Beitragsangleichungsklauseln statt der üblichen zwei Prozent bis drei Prozent zwischen fünf Prozent und zwölf Prozent mehr zu bekommen“, erklärt Barth. Da das Gros der Versicherer in die gleiche Richtung marschierte, brächten auch Nachfragen bei der Konkurrenz nichts. Er erwartet, dass die Anbieter auf dieser Welle weiterreiten.

Streit um den SelbstbehaltNeues Ungemach für beide Seiten droht indes aus Berlin. Das Bundesfinanzministerium plant, den Selbstbehalt bei Haftpflichtpolicen großer Kfz-Flotten der Versicherungssteuer zu unterwerfen. Mit der Eigenbeteiligung verpflichten sich Firmen, einen gewissen Teil der Schäden selbst zu tragen. Dadurch verbilligt sich ihre Prämie. Versicherer schätzen den Selbstbehalt als Steuerungsinstrument. Sie hoffen, dass Unternehmen Mitarbeiter zu einer vorsichtigeren Fahrweise anhalten, wenn sie Rechnungen teils selbst zahlen müssen.

Nach Ansicht des Finanzministeriums ist der Selbstbehalt wie die Prämie die Gegenleistung dafür, dass der Versicherer den gesetzlich vorgeschriebenen Deckungsschutz gewährt. Insofern sei die Eigenbeteiligung Versicherungsentgelt und müsse dementsprechend besteuert werden, heißt es hübsch bürokratisch in der Begründung des Ende Mai vom Kabinett beschlossenen Gesetzentwurfs. Bis November soll er Bundestag und Bundesrat passieren.

Hanns Martin Schindewolf, Versicherungschef beim Automobilhersteller Daimler, reagiert heftig auf die Pläne: „Das ist, als wenn ich eine kleine Portion im Restaurant bestelle, beim Bezahlen aber die Mehrwertsteuer auf die große Portion entrichten soll“, sagt er. Im Schadenfall würde den Unternehmen eine Strafsteuer aufgebürdet dafür, dass sie sich entschieden hätten, ein Risiko eben nicht an den Versicherer zu transferieren, sondern selbst zu tragen. „Das ist ein rein fiskalpolitisch motivierter Tabubruch“, sagt Schindewolf.

Die Besteuerung des Selbstbehalts würde zudem Industrie und Versicherungswirtschaft stark belasten. „Das eine ist, was die Steuer kostet“, sagt Schindewolf. „Dabei ist aber der Aufwand nicht zu unterschätzen, diese Steuer zu erheben und zwar nicht nur in der Finanzverwaltung, sondern auch in der versicherungsnehmenden Wirtschaft und der Assekuranz.“

Auch in der Assekuranz trifft der Vorstoß des Ministeriums auf wenig Gegenliebe. „Wenn man bei Selbstbehalten von jenseits 1 Mio. Euro nach Wegen sucht, ob und wie dafür Versicherungssteuer erhoben werden kann, ist das nachvollziehbar“, sagt Christian Hinsch, Chef von HDI-Gerling Industrie. „Aber was jetzt gemacht wird, scheint weit über das vernünftige und angemessene Maß hinauszugehen.“ Setzt sich die Regelung zu den Selbstbehalten durch, wird die Industrie nach Hinschs Einschätzung um eine Mehrbelastung nicht umhinkommen. Die Versicherer könnten die Steuer nicht tragen. Für die Industrie wirkt das wie eine Preiserhöhung und wird den Widerstand gegen weitere Anpassungen in dieser und in anderen Sparten eher anstacheln als mildern. Die Vertragserneuerungsrunde Ende 2012 wird deutlich spannender als die vorherige. Das gemeinsame Bier werden die beiden Seiten trotz harter Verhandlungen auch dann nicht auslassen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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