Warten, bis die Pleite droht

Betriebe und Makler sind unzufrieden mit der Abwicklung größerer Schäden. Siedauert ihnen zu lang

Anne-Christin Gröger

Es war einer der spektakulärsten Versicherungsfälle der vergangenen Zeit: Nach einer Explosion im Chemiewerk Weka in Iserlohn am 22. Juli 2009 griff das Feuer auf die benachbarte Armaturenfabrik Aloys F. Dornbracht über und zerstörte Teile der Hallen. Auch die Galvanikanlage des Unternehmens war betroffen. „Für unsere Weiterproduktion war das fatal, denn es war die einzige Anlage dieser Art, die wir weltweit besaßen“, sagt Ralph Dihlmann, kaufmännischer Geschäftsführer bei Dornbracht. Der Schaden, so Dihlmann, lag zwischen 140 Mio. Euro und 200 Mio. Euro.

Zwar hatte der Betrieb eine Feuerversicherung bei einem Konsortium unter der Führung der britischen Royal & Sun Alliance (RSA) abgeschlossen. Doch statt einer schnellen Zahlung der Versicherungssumme in Höhe von 125 Mio. Euro erwartete den Hersteller von Bad- und Küchenarmaturen ein jahrelanger Kampf mit den einzelnen Teilnehmern des Konsortiums.

Grund war ein erbitterter Streit zwischen den einzelnen Gesellschaften RSA, Chartis, Allianz und Helvetia. „Sie waren sich uneins darüber, wie der Schaden reguliert werden sollte“, sagt Dihlmann. Der eine Versicherer wollte den Versicherungsvertrag anfechten, der andere stellte die Führungsklausel von RSA infrage und bestand auf eigene Gutachter.

Solche Verzögerungen sind für Firmen dramatisch. Nach einem Schaden müssen sie alles dafür tun, ihre Produktion so schnell wie möglich wieder in Gang zu bringen. Sonst verlieren sie wichtige Kunden an die Konkurrenz. Doch wie schnell die Bänder wieder laufen, hängt in großem Maße von dem Geld ab, das der Versicherer zahlt.

Zeitraubende GutachtenVersicherungsmakler und Industrievertreter beklagen, dass sich viele Betriebe nach einem Schaden erst einmal mit ihren Versicherern anlegen müssen, statt schnell deren Unterstützung zu bekommen. Sie beobachten, dass die Assekuranz sich bei der Regulierung immer häufiger quer stellt. „Die Versicherer lassen sich erheblich Zeit mit der Regulierung“, sagt Peter Wesselhoeft, geschäftsführender Gesellschafter beim Hamburger Versicherungsmakler Gossler, Gobert & Wolters. Richtige Zeitfresser seien die externen Sachverständigen, die die Versicherer zur Begutachtung eines Schadens an die Unglücksstelle schicken. „Erst haben sie Probleme, sich auf einen Inspektionstermin zu einigen. Dann sollen sie für die Versicherer ständig neue Informationen für den Bericht beschaffen.“

Philipp Andreae, Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Versicherungs-Schutzverband, der die Industrie in Versicherungsfragen vertritt, bestätigt diesen Trend. „Manche Schadenserfahrungen unserer Mitglieder sind erkennbar weniger von partnerschaftlichem Vorgehen als vielmehr oft von einer einseitigen Verhärtung seitens der Versicherer einhergehend mit unerfreulichen zeitlichen Ausdehnungen der Schadenregulierung geprägt“, sagt er.

Nach einem hohen Sachschaden haben Firmen und Versicherer die Möglichkeit, jeweils einen eigenen Gutachter zu beauftragen, der prüfen soll, welche Werte im Unternehmen überhaupt vorhanden waren und wie hoch der Schaden ist. Sind sich die Parteien nach der Inspektion uneins über das Ausmaß des Schadens, können sie einen Obmann anrufen. All das kann jedoch dauern, im schlimmsten Fall mehr als ein Jahr.

Das setzt vor allem kleinere und mittlere Firmen finanziell enorm unter Druck. „Je nachdem, wie hoch der Betrag ist, um den das Unternehmen mit dem Versicherer ringt, muss es schon reichlich Liquidität oder eine gute Hausbank haben, um das finanziell zu überstehen“, sagt ein Versicherungsmakler, der nicht mit Namen genannt werden will.

In Verhandlungen mit den Banken um neue Kredite kann die Verzögerungstaktik der Versicherer zudem finanziell weniger gut aufgestellte Firmen in einen Teufelskreis bringen, der in die Pleite führen kann. „Es ist extrem wichtig, dass die Geschäftsführung verlässliche Informationen über einen baldigen Zahlungseingang der Versicherungssumme machen kann, um Kredite zu bekommen“, sagt Makler Wesselhoeft. Solange die Berichte nicht fertiggestellt sind, macht der Versicherer auch keine konkrete Zusage über die Entschädigungshöhe. Von endlosen Verhandlungen mit Versicherern und Gutachtern kann auch Dihlmann von Dornbracht ein Lied singen. Erst 21 Monate nach dem Brand ging die Zahlung des letzten Versicherers auf den Unternehmenskonten ein. Das lag an einem zusätzlichen Rechtsstreit des Unternehmens mit Chartis. „Chartis wollte mit dem Argument nicht zahlen, dass wir sie bei Vertragsabschluss falsch über die Risiken informiert hätten“, sagt Dihlmann. Der Versicherer begründete seine Entscheidung so: Auf dem Risikofragebogen, den Dornbrachts Makler bei Vertragsabschluss vorgelegt hatte, sei auf die Frage nach benachbarten Industriebetrieben und Lagern mit Nein geantwortet worden. Die Juristen des OLG Hamm entschieden zu Ungunsten von Chartis: Es sei nicht ausreichend, sich auf die Angaben des Maklers zu verlassen. Der Versicherer hätte selbst nach den benachbarten Gebäuden fragen müssen.

Bewusste VerzögerungenAber auch mit den Gutachtern lief nicht alles glatt. „Wir hatten teilweise sehr eigentümliche Diskussionen mit Sachverständigen darüber, welche Gebrauchsanweisungen aus der abgebrannten Lagerhalle noch verwendet werden können und welche nicht“ sagt Dornbracht-Manager-Dihlmann.

Makler Wesselhoeft und viele Kollegen glauben, dass hinter der Verzögerungstaktik der Assekuranz System steckt. „Versicherer und Sachverständige haben gleiche Interessen“, sagt er. „Je länger ein Gutachter an einem Bericht arbeitet, desto länger ist er in Lohn und Brot beim Versicherer.“ Der wiederum profitiere davon, dass das geschädigte Unternehmen mürbe werde, wenn es allzu lange auf die Entschädigung warten müsse. „Wenn ein Betrieb lange auf das dringend benötigte Geld warten muss, ist er eher bereit, einen Vergleich zu akzeptieren, der weitaus geringer ist als das, was ihm eigentlich zustünde“, sagt Wesselhoefts Kollege, der nicht genannt werden will. Was die Neutralität der Gutachter angeht, sei Skepsis angebracht.

Uwe Cors, Geschäftsführer des Gutachterverbands Bund Technischer Experten, sieht das anders. Er glaubt nicht, dass seine Kollegen bewusst die Arbeit hinauszögerten, um finanziell zu profitieren. „Die Gutachter können nur eine Rechnung an den Versicherer schreiben, wenn der Bericht fertig und der Schaden abgeschlossen ist“, sagt er. Es liege im Interesse des Sachverständigen, einen Fall schnellstmöglich abzuschließen.

Allerdings hat auch er schlechte Erfahrungen mit einzelnen Vertretern seiner Zunft gemacht. „Es gibt Sachverständige, die nur für Versicherer arbeiten und dementsprechende Gutachten erstellen“, sagt er. Sie seien jedoch eine Ausnahme.

Auch für die Versicherer sind Klagen über langwierige Regulationsprozesse nichts Neues. „Diese Probleme gibt es im Markt“, sagt Christian Hinsch, Chef von HDI-Gerling Industrie und stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Mutterkonzerns Talanx. Er bestreitet jedoch, dass sein Unternehmen systematisch die Schadenregulierung verzögere. „Ich kann nicht für jeden einzelnen Fall bürgen“, sagt er. „Aber wir machen das nicht systematisch.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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