Banker führt künftig die Versicherungslobby

Branchenneuling Alexander Erdland wird neuer Präsident bei einem dereinflussreichsten Branchenverbände Deutschlands

Herbert Fromme , Köln

Der Spitzenposten bei einem der einflussreichsten Verbände Deutschlands wird neu besetzt. Alexander Erdland, Chef der Finanzgruppe Wüstenrot & Württembergische (W&W), soll die Führung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) übernehmen. Das Präsidium hat ihn bereits nominiert; am 14. November soll er dann von der Mitgliederversammlung zum Präsidenten gewählt werden. Vorgänger Rolf-Peter Hoenen, früher Chef der HUK-Coburg und seit 2008 an der Spitze, hört aus Altersgründen auf.

Damit werden die Interessen der Versicherungsbranche künftig ausgerechnet von einem gelernten Banker wahrgenommen, der noch relativ frisch in der Assekuranz tätig ist. Mit dem GDV wird er eine Branchenmacht mit 177 Mrd. Euro Prämienvolumen und mehr als 1200 Mrd. Euro angelegten Geldern repräsentieren. Allerdings steht die Branche derzeit unter großem Druck. Die Finanzkrise wirkt sich negativ aus, die neuen Aufsichtsregeln Solvency II und Forderungen von Verbraucherschützern erfordern umfangreiche Lobbyarbeit, um das aus Sicht der Versicherer Schlimmste zu verhindern.

Der 60-jährige Erdland hat seine Karriere zum größten Teil in der Bankenwelt absolviert. Er studierte Betriebswirtschaft, machte parallel eine Sparkassenlehre, promovierte anschließend. Später war er unter anderem Vorstand bei der DG Bank und Chef der größten Bausparkasse des Landes, der Schwäbisch-Hall. Auch heute noch sitzt er im Aufsichtsrat der HSH Nordbank.

Erst seit 2006, als er die Führung der W&W übernahm, beschäftigt sich Erdland auch mit Versicherungsthemen. Vor scharfen Schnitten und Umbauten im eigenen Haus ist er nie zurückgeschreckt. Allerdings tritt er so verbindlich und unprätentiös auf, dass er sich in der Branche schnell Respekt verschafft und so den Mangel des fehlenden Assekuranz-Stallgeruchs wettgemacht hat.

Dennoch ist seine Wahl zum GDV-Präsidenten pikant. Denn zwischen Bankenverbänden und GDV herrschen deutliche Spannungen. Zu unterschiedlich sind gerade in der Krise die Interessen und die Forderungen an die Politik. Erdlands Finanzgruppe W&W ist selbst in beiden Lagern vertreten. Schließlich gehören sowohl eine große Bausparkasse als auch eine Bank zum Konzern. Somit hat er gewisse Übung bei diesem Spagat.

Die Wahl des GDV-Präsidenten folgt genau austarierten Interessenlagen. In der Regel wechseln sich Vertreter der drei Rechtsformen ab: öffentliche Gesellschaften, Versicherungsvereine und Aktiengesellschaften. Eigentlich wären jetzt wieder die Öffentlichen dran gewesen, aber sie haben mit dem eigenen Verband und internen Veränderungen genug zu tun. Erdland wiederum hat Erfahrungen mit Unternehmen in allen drei Rechtsformen.

Zwischen drei Standorten wird Erdland durch sein neues, zusätzliches Amt künftig pendeln müssen: zwischen der GDV-Zentrale in Berlin, dem W&W-Sitz in Stuttgart und seinem Hof in Oelde. In seiner westfälischen Heimat betreibt er nebenbei passioniert noch einen Landwirtschaftsbetrieb. Dorthin zog es ihn kürzlich auch nach einem Interview mit der Financial Times Deutschland in Hamburg. Er verabschiedete sich eiligst mit dem Hinweis: „Ich muss Weizen verkaufen.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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