HDI-Gerling legt sich mit Kunden an

Industrieversicherer will bei besonders schadenträchtigen Firmen höherePreise durchsetzen

Friederike Krieger , Köln

Der große Industrieversicherer HDIGerling Industrie hat begonnen, alle Kunden je nach Schadenverlauf und Risiko einzeln neu zu bewerten. Bei Industriekunden, mit denen der Versicherer nicht zufrieden ist, will Unternehmenschef Christian Hinsch höhere Preise oder bessere Bedingungen durchsetzen. „Wir werden uns im Laufe des Jahres über alle Branchen und Sparten die besonders auffälligen Kunden und Kundengruppen anschauen, um dort eine auskömmlichere Relation von Prämie und Risiko umzusetzen“, sagte Hinsch im FTD-Interview. Er ist auch stellvertretender Vorsitzender der Mutter Talanx. Auffällige Kunden sind Firmen, die besonders hohe Schäden aufweisen.

Damit wagt HDI Gerling einen Schritt, der noch keinem Industrieversicherer in Deutschland gelungen ist. Der harte Wettbewerb unter den Gesellschaften führt dazu, dass sie bisher insgesamt keine deutlichen Preiserhöhungen durchsetzen konnten – einzige Ausnahme ist die Absicherung von Fahrzeugflotten. In den anderen Sparten finden Industriekunden, denen Versicherer Preiserhöhungen aufdrücken wollten, fast immer alternative Angebote zum alten Preis. Der Markt, in dem sich neben HDI-Gerling etwa Allianz, Zurich und Chartis tummeln, ist heiß umkämpft.

Hinsch hält den Bogen jetzt für überspannt. „Wir sind jetzt im achten Jahr eines Weichmarktzyklus“, sagte er. Als weichen Markt bezeichnen Versicherer Zeiten anhaltend niedriger Preise. Die Schaden-Kosten-Quoten vieler Gesellschaften lägen deutlich über 100 Prozent der Beiträge, sagte er. Das heißt, sie geben mehr für Schäden, Vertriebs- und Verwaltungskosten aus, als sie an Prämien einnehmen. Solche versicherungstechnischen Verluste können Versicherer zwar teilweise mit Kapitalerträgen ausgleichen. Aber das wird angesichts der niedrigen Zinsen immer schwieriger.

Bisher verbuchen allerdings gerade die Industrieversicherer gute betriebswirtschaftliche Ergebnisse . Auch HDI-Gerling Industrie stand 2011 mit einem operativen Gewinn von 321 Mio. Euro deutlich besser da als die Kollegen vom Privatkundengeschäft, die nur 110 Mio. Euro verdienten. Diese Zahlen stärken den Widerstand der Kunden gegen höhere Preise.

Dennoch will HDI-Gerling Industrie genau hinschauen. „Wenn jemand große Exponierung in Naturgefahren hat, glaube ich nicht, dass der Versicherungsmarkt insgesamt ausreichend Prämie dafür bekommt“, sagte Hinsch. Anpassungsbedarf sieht er auch in der Pharmahaftpflicht, weil vielen Unternehmen hier gerade in den USA immer wieder Klagen drohen, und weiter bei den Autoflotten. „Man muss immer wieder individuell jede Flotte anschauen, ob sie negativ läuft oder nicht.“

Zulegen möchte HDI-Gerling vor allem im Ausland. Dort gebe es erhebliches Wachstumspotenzial, in Deutschland dagegen kaum, so Hinsch. Der Versicherer arbeitet seit Jahren daran, sich international breiter aufzustellen, um mit Konkurrenten wie Allianz und Zurich mithalten zu können. Derzeit ist Talanx im Industriekundengeschäft in fast 40 Ländern präsent und erzielte dort 2011 Prämieneinnahmen von 1,5 Mrd. Euro. Auf die neuen Niederlassungen in Singapur und Kanada sowie die Zulassung für Indien soll eine Niederlassung in Bahrain folgen.

Den seit 15 Jahren geplanten und zuletzt für Juni 2012 erwarteten Börsengang hat das Unternehmen immer wieder mit Kapitalbedarf für die internationale Expansion begründet. Diese könne der Versicherer aber auch ohne Notierung finanzieren, so Hinsch: „Wir haben genug Kapital. Wir könnten das mit einem Börsengang nur schneller bewältigen.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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