Munich Re strebt ins Bankgeschäft

Weltgrößter Rückversicherer liebäugelt mit der Vergabe von Krediten an Unternehmen // Gespräch mit Finanzvorstand Jörg Schneider

Herbert Fromme , München

Auf der Suche nach neuen Ertragsquellen in Krisenzeiten erwägt Munich Re einen Ausflug ins Bankgeschäft: Der weltgrößte Rückversicherer prüft laut Finanzvorstand Jörg Schneider die direkte Vergabe von Krediten an Unternehmen. „Das Thema wird bei uns diskutiert“, sagte Schneider der FTD.

Munich Re steckt wie viele andere Großanleger in einem Dilemma: Einerseits legt der DAX-Konzern aus der bayerischen Landeshauptstadt die 212 Mrd. Euro, die er verwaltet, sehr konservativ an, wie es Aufsicht und Ratingagenturen verlangen. Andererseits verspricht er den Kunden seiner Lebensversicherungstöchter Zinsen von 3,4 Prozent.

Die aber kann er in einem Umfeld, in dem die Kapitalmarktzinsen seit Jahren niedrig sind und zum Beispiel Bundesanleihen kaum noch etwas abwerfen, nur noch schwer verdienen. „Für neu angelegtes Geld erhalten wir weiterhin im Schnitt knapp unter drei Prozent“, sagte Schneider. Und die bei Versicherern früher so beliebten Nachranganleihen sind wegen der Finanzkrise völlig aus der Mode. „Wir haben unser Engagement gegenüber Banken deutlich zurückgefahren“, sagte Schneider, der auch mit Blick auf Aktien skeptisch ist.

Als Ausweg bleibt, renditestärkere Kapitalanlagen zu finden oder neue Geschäftsfelder zu erobern. Immerhin könnte der Münchener Konzern mit der Kreditvergabe höhere Zinsen einstreichen, als wenn er sein Geld in Staatsanleihen parkt. Eine Banklizenz bräuchte er nicht, weil Kreditvergabe rechtlich kein versicherungsfremdes Geschäft ist.

Noch allerdings zögert Schneider. „Ein Problem ist, dass wir die Kreditwürdigkeit aller Unternehmen beobachten müssten, denen wir Geld leihen.“ Auch von einem Angriff auf das Kerngeschäft der Banken will er nichts wissen. Munich Re brauche „gute Banken“, zum Beispiel für Derivategeschäfte zum Absichern langfristiger Kapitalmarktrisiken.

Dabei wäre Munich Re nicht das erste bankfremde Unternehmen, das sich in dem Geschäft tummelt: So will der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS eine eigene Banklizenz beantragen, ein Schritt, den der Siemens-Konzern bereits gegangen ist. Deutschlands Autobauer betreiben über ihre Banktöchter seit Jahren Absatzfinanzierung.

Insgesamt ist Schneider mit dem Zustand des Konzerns zufrieden. Die „atemberaubenden Verwerfungen im Umfeld“ hätten erstaunlich wenig auf das Eigenkapital durchgeschlagen. „Wir haben immer nur das gemacht, was wir auch verstehen.“ So hätten Berater vergeblich versucht, ihm das Geschäft mit Kreditausfallversicherungen schmackhaft zu machen, das den US-Rivalen AIG ruiniert hat. Zurücklehnen will er sich deshalb aber nicht. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht selbstzufrieden werden.“ Munich Re wolle neue Geschäfte ausbauen.

Für eines der bedrohlichsten Szenarien hält Schneider eine hohe Inflation verbunden mit weiter niedrigen Zinsen. „Dann kämen unsere Schadenreserven unter Druck.“ Er müsste wegen des Preisanstiegs mehr für Schäden aufwenden, würde aber mit den Kapitalanlagen weiter nicht viel verdienen.

Zum Dauerbrennerthema der Branche, den neuen Kapital- und Aufsichtsregeln Solvency II, hat Schneider eine klare Meinung: Sie sollten wie geplant 2013 eingeführt werden, aber mit drei bis fünf Jahren Übergangsfrist. In dieser Zeit sollten alle Berichtspflichten gelten, die Behörden für die Beurteilung eines Versicherers und mögliche juristische Konsequenzen aber noch Solvency I nutzen. „Es wäre sehr gut, das nicht im Kaltstart zu machen“, sagte Schneider. Die EU-Kommission erwägt, Solvency II stufenweise einzuführen und für Altverträge sieben Jahre lang Solvency I anzuwenden.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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