Anbieter verändern ihr Geschäftsmodell

Rückversicherer werden wählerischer und geben gerade in Deutschland bewusstVolumen auf. Das birgt erhebliche Risiken

 

Herbert Fromme

 

Herbert Fromme

 

Der Versicherungsmanager war konsterniert. Der langjährige Geschäftspartner aus der Rückversicherung, Marktführer Munich Re, hatte ihm eine Preiserhöhung von 100 Prozent für die Deckung hoher Sturmrisiken aus der Gebäudeversicherung verkündet. Da der Vorstand eines mittelgroßen Konzerns, der nicht genannt werden will, sichtlich verärgert war, gab es eine kleine Konzession vom Emissär der Munich Re: Man könne die Preissteigerung ja in Schritten zu 50 Prozent über zwei Jahre strecken.

 

Das geschah Ende 2011. Munich Re begründete die abrupte Forderung mit Veränderungen im Sturmrisiko, die das hausinterne Modell abbildet. Die Konsequenz: Der Versicherer deckte sich bei der Konkurrenz ein, Munich Re ist am Sturm-Rückversicherungsprogramm nicht mehr beteiligt. In Marktkreisen heißt es, die Münchner hätten bei mindestens sieben mittelgroßen Gesellschaften so rabiat Preissteigerungen eingefordert.

 

Der Weltmarktführer ist nicht allein mit dem Vorgehen. „Wir erleben eine voranschreitende Veränderung im System“, sagt Jan-Oliver Thofern, beim weltgrößten Rückversicherungsmakler Aon Benfield verantwortlich für den deutschsprachigen Raum. Zum konkreten Vorgehen der Munich Re will er nichts sagen. Aber: „Die Solidarität zwischen Rück- und Erstversicherern ist nicht mehr so groß wie früher. Auch in Deutschland wird die Kontinuität von direkten Geschäftsbeziehungen zunehmend in Frage gestellt, wenn die Bedingungen nicht mehr stimmen.“

 

Damit nähert sich der hiesige Markt den Usancen in den angelsächsischen Ländern an, in denen der kurzfristige, opportunistische Einkauf von Rückversicherungsschutz vorherrscht. Thofern kann das nur recht sein. Denn sein Maklerunternehmen profitiert davon, dass sich auch kleine und mittlere Erstversicherer um alternative Quellen für ihre Rückversicherung kümmern müssen.

 

Munich Re betont, dass der Konzern seine deutschen Kunden nicht aufgeben will. Doch bewerte das Unternehmen nicht die Attraktivität eines Marktes, sondern betrachte jede Kundenverbindung individuell, teilt Vorstandsmitglied Ludger Arnoldussen mit. „Wir beziehen aktuelle Entwicklungen wie das Zinsniveau und Trends wie die Verteuerung von Personenschäden mit ein“, so Arnoldussen weiter. „Dabei lautet unser fester Grundsatz, dass Preise und Konditionen risikoadäquat sein müssen.“

 

Unter dem ab 2014 geltenden neuen EU-System für Kapitalanforderungen und Aufsicht Solvency II erwarte Munich Re Änderungen im Rückversicherungsbedarf. „Dies alles kann bedeuten, dass wir die Beziehung mit einem Kunden ausbauen, während wir mit einem anderen Kunden über die Verbesserung der Konditionen und den Branchenmix sprechen“, erklärt Arnoldussen.

 

Keine Frage: Aus Sicht der Munich Re macht das Vorgehen Sinn. Wenn die deutschen Erstversicherer nicht bereit sind, die vom Rückversicherer als nötig erachteten Preise zu zahlen, bietet man die Kapazität in anderen Regionen an. So können Rückversicherer zurzeit in Asien spürbare Preiserhöhungen erzielen, dasselbe gilt für die langfristige Absicherung von Ernterisiken in den USA. Trotz der zurzeit dort herrschenden Dürre gilt das staatlich absicherte Geschäft langfristig als hoch profitabel.

 

Das Kalkül: Die Finanzkrise setzt auch Versicherer und Rückversicherer unter Druck. Da ist Rückversicherungsschutz von einem Anbieter mit hoher Kapitalisierung und entsprechend guter Bewertung durch die Ratingagenturen mehr wert als anderer. Das, so die Münchner, muss sich in den Preisen zeigen. Sie haben den Eindruck, dass sie das jetzt auch durchsetzen können.

 

Aber das Vorgehen birgt erhebliche Risiken. „Wir haben immer noch Überkapazität im Markt“, sagt Aon-Manager Thofern. Das sieht auch Munich Re so. „Es gibt ausreichend Kapital in der Branche“, weiß Vorstand Torsten Jeworrek. Es gibt noch keine Anzeichen dafür, dass Kapital in nennenswertem Umfang den Markt verlässt und damit Kapazität abgebaut wird – trotz der Rekordschäden von 105 Mrd. Dollar (84 Mrd. Euro) durch Katastrophen im Jahr 2011.

 

Dazu kommt: Der Anteil der Rückversicherer am gesamten Versicherungsmarkt wird kleiner, die Erstversicherer behalten einen größeren Teil der Risiken im Eigenbehalt. Munich Re und Swiss Re reagieren auf die Veränderungen mit dem Ausbau des Geschäfts mit Endkunden. Swiss Re hat dafür sogar ein eigenes Unternehmen gegründet, Swiss Re Corporate Solutions. „Wir wollen in diesem Segment 2015 Prämieneinnahmen von 4 bis 5 Mrd. Dollar erzielen“, kündigt Vorstandschef Michel Liès an. Munich Re konkurriert ebenfalls mit seinen Kunden, den Erstversicherern – durch die Tochter Ergo und durch eigene Deals mit der Industrie auf der Ebene der Rückversicherung.

 

Noch ist also nicht entschieden, ob sich Munich Re mit dem konsequenten Beharren auf Preiserhöhungen aus dem Markt katapultiert oder den Vorreiter für die Branche macht. Denn auch andere Gesellschaften sind mit der Marktlage nicht zufrieden, setzen die Kunden aber weniger unter Druck – noch jedenfalls. „Eigentlich geht es uns nicht schlecht, aber das Sorgenkind ist die Feuer-Rückversicherung“, sagt Michael Pickel, Vorstand beim Weltmarkt-Dritten Hannover Rück. „Hier gibt es eine hohe Schadenfrequenz.“ Das könne so nicht weitergehen. Zufrieden ist Pickel dagegen mit der Autoversicherung, die sich in die richtige Richtung entwickele. Für Hannover Rück und die nur in Deutschland tätige Konzerngesellschaft E+S Rück ist diese Sparte besonders wichtig: Die Hannoveraner dürften nach Einschätzung von Maklern inzwischen größter Anbieter in dieser Sparte in Deutschland sein und haben Munich Re abgehängt. Doch das stört die Gesellschaft in der Königinstraße offenbar wenig.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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