Krankenversicherer müssen Beiträge erhöhen

Wegen der niedrigen Zinsen steigen die Tarife für Neukunden erheblich – umbis zu zehn Prozent

Britta Langenberg Ilse Schlingensiepen Herbert Fromme

Herbert Fromme ,

Ilse Schlingensiepen , Köln,

und Britta Langenberg, Berlin

Neukunden der privaten Krankenversicherer (PKV) müssen künftig erheblich höhere Preise zahlen. Nach FTD-Informationen aus Branchenkreisen sollen die Tarife für privat Krankenversicherte um vier bis zehn Prozent steigen. Die private Pflegeversicherung wird sogar um bis zu 20 Prozent teurer.

Die Versicherer reagieren mit der Preiserhöhung auf die extrem niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt. Ab Dezember sind zunächst die Neukunden betroffen, später dann auch Bestandskunden. Die Preiserhöhung wird zusammen mit den neuen geschlechtsneutralen Tarifen eingeführt, auf die alle Versicherer umstellen müssen.

Voraussichtlich werden die Versicherer den sogenannten Rechnungszins branchenweit absenken. Er ist – ähnlich wie in der Lebensversicherung – eine Untergrenze: Mit ihm wird das von den Kunden angesparte Geld mindestens verzinst. Sinkt die Garantie, muss der Beitrag steigen, um die gleiche Rücklage im Alter zu erreichen. Statt wie bisher 3,5 Prozent wollen die Gesellschaften künftig nur noch 2,75 Prozent garantieren. Die einflussreiche Deutsche Aktuarvereinigung, der Verband der Finanz- und Versicherungsmathematiker, hatte diese Zahl ausdrücklich empfohlen.

Damit wird es für die PKV noch schwieriger, neue Kunden zu gewinnen. Die Branche ist ohnehin unter Druck: Ihr wird vorgeworfen, Kunden zu stark nach sozialem Status zu selektieren, zu hohe Beiträge zu haben und bei der Schadenregulierung kleinlich zu sein. Die SPD will die PKV seit Langem ganz abschaffen. Auch in der Union hat das alte System der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung immer weniger Befürworter.

Union und FDP galten lange als Verfechter der Privaten. Angesichts explodierender Gesundheitskosten und Beiträge macht sich jedoch immer mehr die Einsicht breit, dass das System verändert werden muss.

Auch von den neun Millionen bereits privat Versicherten droht nun Widerstand: Langfristig treffen die höheren Beiträge auch sie. Kann ein Unternehmen den Rechnungszins von 3,5 Prozent nicht mehr am Markt verdienen, kann er laut Geschäftsbedingungen abgesenkt werden. 2011 taten dies mindestens zwei Gesellschaften. Für 2012 rechnen Brancheninsider mit erheblich mehr Fällen.

Umstritten ist, ob auch diejenigen Versicherer den Rechnungszins senken können, die mit ihren Kapitalanlagen noch mehr als 3,5 Prozent verdienen. Ein Teil der Branche ist der Ansicht, dass dies möglich ist, wenn die Tarife ohnehin wegen höherer medizinischer Kosten angepasst werden müssen. Andere Experten halten das für rechtlich problematisch.

Zwar ist keine Gesellschaft gezwungen, den Zins anzupassen. Der vorgeschriebene höchstens erlaubte Garantiezins bleibt bei 3,5 Prozent. Dennoch gibt es einen Trend: So will die Debeka – Deutschlands größte private Krankenversicherung – ihren Rechnungszins auf 2,75 Prozent senken. Das bestätigte Konzernchef Uwe Laue der FTD. Ebenso die Ergo-Konzerngesellschaft DKV. Zwar führe das zu kurzfristigen Wettbewerbsnachteilen, so DKV-Chef Clemens Muth, „aber vor dem Hintergrund der Kapitalmarktwirklichkeit halten wir diesen Schritt für geboten und nachhaltig“.

Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem sieht auch die Politik in der Pflicht. „Es wäre gefährlich, den Rechnungszins zum Wettbewerbsthema zu machen“, sagte Wasem.

Leitartikel: Seite 31

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit