Riester-Sparer fliehen aus Versicherungen

Die Assekuranz kann kaum noch neue Policen absetzen. Der Lobbyverband gibt den Kritikern der Vorsorgeprodukte die Schuld

Herbert Fromme

So positiv die Zahlen zunächst klingen – für Deutschlands Versicherer sind sie ein Desaster: Wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales am Freitag mitteilte, schlossen von April bis Juni 84 000 Sparer neue Riester-Verträge ab, womit die Gesamtzahl auf 15,6 Millionen stieg. Doch vom Zuwachs stammen allein 67 000 aus den Wohn-Riester-Angeboten der Bausparkassen, Riester-Banksparpläne legten um 13 000 zu. Fondssparpläne und Riester-Rentenversicherungen dagegen blieben mit je 2000 Verträgen weit hinter den Erwartungen zurück. Bei den Versicherern handelt es sich nach Angaben des Ministeriums um die Nettozahl, also Neuabschlüsse minus Kündigungen.

Hat sich das Ministerium, für das die Zahlen den Erfolg der staatlich geförderten Altersvorsorge belegen, verrechnet? Können die Zahlen stimmen? Immerhin entfallen mehr als zehn Millionen der 15,6 Millionen Riester-Verträge auf die Lebensversicherer – wie kommt da dieser lächerlich geringe Zuwachs zustande?

Das Ministerium verweist auf die Assekuranz. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat die Zahlen zugeliefert. Der GDV bestätigt das. Die 2000 Verträge seien der Saldo aus dem von den Mitgliedsunternehmen gemeldeten Neugeschäft und einer geschätzten Abgangsquote, sagt ein Sprecher. „Zu den Abgängen gehört auch der Wechsel zwischen Anbietergruppen, zum Beispiel von einer Lebensversicherung zu einer Bausparkasse.“

Daneben macht der Verband Kritik an der Riester-Rente verantwortlich. „Wir können nicht ausschließen, dass die Kampagne gegen die Riester-Rente die Menschen zunehmend verunsichert“, heißt es. Es gebe „einige wenige Riester-Gegner“, die der Bevölkerung das fatale, weil falsche Signal sendeten, die Riester-Rente lohne sich nicht.

Das mag so sein. Aber offenbar ist der Einbruch bei den Versicherern uneinheitlich. Marktführer Allianz verkauft immer noch prächtig. Das Unternehmen setzte von Januar bis Juni 2012 – Quartalszahlen liegen nicht vor – 33 000 Neuverträge ab und verzeichnete 4000 Abgänge, netto ein Zuwachs von 29 000 im Halbjahr.

Wenn die Allianz und einige andere Gesellschaften gut verkaufen, müssen andere Versicherer katastrophal abschneiden. Das liegt sicherlich zum Teil an einer allgemeinen Kaufzurückhaltung der Kunden bei Lebensversicherungen. Die Finanzkrise sorgt für Verunsicherung – da sind langfristige Festlegungen nicht gerade beliebt. Es sei denn, es handelt sich um Immobilien – deshalb werden Riester-Rentenverträge in Wohn-Riester umgeschrieben.

Auch im Lager der Versicherer selbst gibt es Riester-Skeptiker auf Vorstandsebene. Sie treten beim Absatz auf die Bremse. Das hat mit den niedrigen Zinsen, den engen gesetzlichen Auflagen für Riester und den neuen Aufsichtsregeln Solvency II zu tun, die ab 2014 kommen.

Riester-Renten werden eher von jüngeren Menschen abgeschlossen. Wenn aber ein Versicherer einem 30-Jährigen eine private Rentenversicherung verkauft, muss er damit rechnen, dass er Verpflichtungen über 60 Jahre eingeht.

Nach dem neuen Solvency-II-System wäre es ideal, wenn der Versicherer dafür auch eine Kapitalanlage über 60 Jahre finden würde – die es aber kaum gibt. Die Kapitalanlagen der Versicherer haben im Schnitt eher Laufzeiten von sieben Jahren.

Das Missverhältnis zwischen den Laufzeiten der Verpflichtungen und der sie bedeckenden Kapitalanlagen kommt die Versicherer teuer. Denn sie müssen unter Solvency II das Risiko aus diesem „Mismatch“ mit gewaltigen Summen an Eigenkapital unterlegen – und das in einer Zeit, in der die Riester-Rente wegen des gesetzlich geforderten Kapitalerhalts, der niedrigen Zinsen und der vergleichsweise hohen Vertriebskosten wenig Ertrag abwirft.

Kapitalstarke Gesellschaften wie die Allianz können Riester dabei noch leichter verkaufen als schwächere Rivalen, die knapper mit Eigenmitteln ausgestattet sind. Der GDV lässt sich von solchen Zweifeln aus dem eigenen Lager nicht beirren. Er sieht die Politiker in der Pflicht. Das staatliche Fördervolumen müsse dynamisiert werden, um die größer werdende Versorgungslücke zu schließen. Und Gewerbetreibende und andere Selbstständige sollen künftig ebenfalls Riester-Renten kaufen können, nicht nur Angestellte.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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