Versicherer schlagen Alarm

Die Assekuranz wehrt sich gegen das geplante Verbot offenerImmobilienspezialfonds. Die Konzerne brauchen sie dringend

Georgia Hädicke Sarah Speicher-Utsch Herbert Fromme

Herbert Fromme , Köln,

Georgia Hädicke

und Sarah Speicher-Utsch, Frankfurt

Die von den Niedrigzinsen gebeutelte deutsche Versicherungswirtschaft stemmt sich mit aller Kraft gegen ein mögliches Verbot offener Immobilienspezialfonds. Für die Konzerne bräche dann ein wichtiges Investmentprodukt weg, durch das sie in Zeiten magerer Renditen ihre Zinszusagen an Kunden erfüllen können.

Nach dem Willen des Bundesfinanzministeriums in Berlin soll die Neuauflage sämtlicher offenen Immobilienfonds, darunter auch die von Spezialfonds, künftig nicht mehr möglich sein. Das Verbot ist Teil der Umsetzung der EU-Richtlinie zu alternativen Investmentfonds (AIFM), die bis Juli 2013 in nationales Recht gegossen werden muss.

Offene Immobilienfonds sind in den Fokus der Regulierer geraten, seit Produkte mit einem Fondsvolumen von rund 20 Mrd. Euro wegen plötzlicher hoher Kapitalabflüsse eingefroren werden mussten. Sie müssen nun größtenteils aufgelöst werden. In den Produkten steckt Kapital von Hunderttausenden Kleinanlegern. Um das Risiko der Produkte künftig einzudämmen, will der Gesetzgeber sie abschaffen. Dass im Zuge dessen auch neue Immobilienspezialfonds vor dem Aus stehen, sorgt bei der deutschen Assekuranz für besonderen Unmut.

Denn anders als etwa bei den Fonds in Schieflage investieren bei den Spezialprodukten nur professionelle Investoren. Das Geld von Privatanlegern sei durch sie also nicht gefährdet, so das Hauptargument der Lobbyvereine.

Gerade Versicherer sind auf diese Investitionsmöglichkeit stärker denn je angewiesen. Den Anlageschwerpunkt der Assekuranz bilden zwar Staatsanleihen, doch werfen die Papiere bonitätsstarker Länder kaum noch Rendite ab. Andere Anlageformen bringen mehr. Immobilien gehören dazu, gerade Gewerbeimmobilien sind zurzeit beliebt.

Dafür sind offene Immobilienspezialfonds ein ideales Werkzeug, findet die Assekuranz. Zurzeit haben die deutschen Versicherer 12,5 Mrd. Euro in solchen Produkten investiert – bei Spezialfondsengagements von insgesamt 260 Mrd. Euro. Die Versicherer können einfach weiteres Kapital anlegen und den Fonds als Sammelstelle für viele Einzelimmobilien nutzen. Andere Formen der Immobilieninvestments, etwa geschlossene Beteiligungsmodelle mit längeren Laufzeiten, würden sehr viel höheren administrativen Aufwand bedeuten, schrieb die Branche in einer Stellungnahme zum Gesetzentwurf.

„Jede andere Form der indirekten Immobilieninvestition kann den offenen Immobilienspezialfonds nicht ersetzen“, sagte eine Sprecherin des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Der Gesetzentwurf sieht Bestandsschutz für bestehende Fonds vor. Doch der Branche reicht das nicht – das Instrument soll erhalten bleiben. „Falls die Neuauflage offener Immobilienspezialfonds künftig tatsächlich nicht mehr möglich sein sollte, kann diese Lücke von geschlossenen Immobilienspezialfonds nicht gefüllt werden“, sagte die GDV-Sprecherin.

Aufseiten der Fondsbranche gibt es bereits die Überlegung, das Geschäft mit Immobilienspezialfonds im Falle eines Verbots nach Luxemburg zu verlagern. Die Produkte sind wichtig für das Neugeschäft der Branche. Immobilienspezialfonds sind ein Wachstumsmarkt, aktuell umfasst das Fondsvolumen aller Produkte in Deutschland rund 35 Mrd. Euro.

Immobiliengesellschaften wie die Bonner IVG, hiesiger Marktführer für offene Immobilienspezialfonds, würden unter den Neuregelungen leiden. Das Unternehmen hat mehr als 40 solcher Produkte im Angebot. Die unterlägen zwar auch nach einem Verbot dem Bestandsschutz. Fehlende Einnahmen aus neuen Fonds könnten das Ergebnis des Konzerns, der unter dem Strich Verluste macht, aber belasten. Denn mit Spezialfonds hat das Unternehmen 2011 vor Zinsen und Steuern 18,3 Mio. Euro verdient. Das sind mehr als 40 Prozent des Gesamtergebnisses im Konzern.

Vergangene Woche deutete sich ein Erfolg der Lobbyarbeit an: „Das Vehikel des offenen Immobilienfonds aber sollte nicht kaputt gemacht werden“, sagte Klaus-Peter Flosbach, finanzpolitischer Sprecher der Unionsfraktion in Berlin. Es würden mit „sehr großer Wahrscheinlichkeit“ noch wesentliche Änderungen am Gesetzesentwurf vorgenommen.

Die Lobby räumt dem Spezialfonds bessere Chancen ein als dem Pendant für Kleinanleger. So sagt Bärbel Schomberg, Vizepräsidentin beim Zentralen Immobilien Auschuss: „Beim Spezialfonds ist dem Gesetzgeber sicher leichter vermittelbar, dass von dort keine Gefährdung ausgeht.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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