Wie das eigene Kind

Krankenversicherer wollen für adoptierten Nachwuchs keine Risikozuschlägemehr berechnen

Anne-Christin Gröger

Anne-Christin Gröger

Adoptiveltern fühlen sich ungleich behandelt, wenn es um die Krankenversicherung ihrer angenommenen Kinder geht. Erste Krankenversicherer reagieren auf die Kritik, sie wollen die Unterscheidung zwischen angenommenen und leiblichen Kindern aufheben.

Bisher müssen Eltern von Adoptivkindern noch saftige Zuschläge für die private Krankenversicherung ihrer Sprösslinge zahlen. Bis zu 100 Prozent können die Anbieter bei einem angenommenen Kind auf die normale Versicherungsprämie schlagen, wenn es unter Vorerkrankungen leidet.

Einige Anbieter wie die Debeka wollen künftig auf den Risikozuschlag für Adoptivkinder verzichten. Mit der Umstellung auf Unisextarife habe der Versicherer festgestellt, dass der Zuschlag für angenommene Kinder nicht mehr zeitgemäß sei, sagt ein Sprecher. Die Gesellschaft will künftig in ihren Versicherungsbedingungen darauf verzichten. Auch die Gesundheitsprüfung komme dann auf den Prüfstand. „Die derzeitige Praxis, Adoptivkinder anders zu behandeln als leibliche Kinder, ist in der Tat etwas unglücklich“, sagt der Sprecher. Die Entscheidung soll in den nächsten Wochen fallen.

Leibliche Eltern können ihren Nachwuchs direkt nach der Geburt ohne Gesundheitsprüfung, Risikoaufschlag und Wartezeiten beim Versicherer anmelden. Er erhält sofort Versicherungsschutz, der aber nicht den Leistungsumfang der Eltern überschreiten darf. Haben Mutter oder Vater einen Tarif gewählt, bei dem der Versicherer nicht für Psychotherapie und Chefarztbehandlung zahlt, gilt dieser Ausschluss auch für das Kind. Die Verträge kosten bis zur Volljährigkeit je nach Anbieter und Umfang zwischen 100 und 140 Euro im Monat.

Für adoptierte Kinder kann die Prämie doppelt so hoch ausfallen, wenn sie Vorerkrankungen haben. Das prüfen die Versicherer mithilfe von Gesundheitsfragen und Untersuchungen. „Neben dem vollständig ausgefüllten Antragsformular benötigen wir die Adoptionsunterlagen vom Jugendamt und Belege der ärztlichen Kindervorsorgeuntersuchungen“, sagt Jutta Denger, Referentin im Produktmanagement bei der Ergo. Gerade bei Auslandsadoptionen wollen die Anbieter so das Risiko eingrenzen, dass sie für frühere Erkrankungen zahlen müssen.

Die Interessenvertreter der Adoptiveltern sind empört über die Praxis. „Das ist klare Diskriminierung von Adoptiveltern“, sagt Jasmin Heier, Vorstand des Landesverbands Baden-Württemberg des Pflege- und Adoptivelternvereins PFAD. Auch leibliche Kinder könnten im Lauf des Lebens krank werden. „Für sie wird kein Zuschlag erhoben.“ Die Begründung, dass adoptierte Kinder häufig Krankheiten mitbrächten, sei unhaltbar.

„Betrachtet man die Anzahl der Adoptivkinder, die jährlich neu krankenversichert werden müssen, ist das Risiko sicherlich kalkulierbar, auch ohne die Zuschläge“, sagt der Sprecher der Debeka. Im Jahr 2011 gab es in Deutschland 4060 Adoptionen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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