Blaue Briefe vom Verband

Die Berliner Lobby der Versicherer strafft ihre Ausschüsse und sortiertManager aus

Herbert Fromme

Herbert Fromme , Köln

Beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) droht Zoff: Der GDV strafft seine Struktur und reduziert dabei die Zahl der Mitglieder in den Fachausschüssen deutlich. „Mit 32 Mitgliedern kann kein Ausschuss gut arbeiten“, sagte ein Insider. Wie viele Manager künftig nicht mehr mitarbeiten, konnte der GDV nicht sagen.

Ab der Mitgliederversammlung des Verbands Mitte November soll die neue Struktur gelten. In diesen Tagen erhielten Ausschussmitglieder, auf deren Mitarbeit der GDV keinen Wert mehr legt, ihre blauen Briefe. Einige reagierten verärgert, vor allem weil sie die Kriterien für die Auswahl kaum transparent finden. Der Verband bestätigt, dass die Ausschussarbeit konzentriert werden soll, und verweist auf eine neue – nicht veröffentlichte – Geschäftsordnung. In den Ausschüssen werden Weichen für die Lobbyarbeit des GDV in Berlin und Brüssel gestellt. Viele Unternehmen haben daher ein großes Interesse daran, dort persönlich vertreten zu sein.

Dass solche Regularien in der Versicherungswirtschaft schnell zum Politikum werden, liegt an ihrer Struktur. Denn mehr als 100 große und mittelgroße Versicherungsgruppen kämpfen um Marktanteile. Die GDV-Mitgliedschaft könnte kaum diverser sein. Anders als Banken und Sparkassen, die mit drei Verbänden antreten, haben die Versicherer alles unter einem Dach: Aktiengesellschaften, öffentlich-rechtliche Versicherer aus dem Sparkassenlager und die Versicherungsvereine, die Genossenschaften ähneln. Die Allianz mit 28 Mrd. Euro Umsatz und 30 000 Angestellten hat hier eine einzige Stimme – ebenso wie die Gartenbau-Versicherung mit 55 Mio. Euro Prämie und 55 Mitarbeitern.

Denn geeint ist die Branche keineswegs. Das neue EU-Aufsichtsrecht Solvency II hat den Verband fast gespalten, die Großen waren dafür, viele Kleine lehnten die Regeln ab. Für das miserable Image der Versicherer machen manche kleine Anbieter die großen Konzerne verantwortlich – vor allem Ergo. Dabei steht nicht so sehr das Schmuddelimage durch Sexskandale in der Kritik, sondern die Werbekampagne für die angeblich durch Ergo neu erfundene Versicherung. Dadurch sahen sich andere in die Ecke der dumpfen Abzocker gestellt. Genug Stoff für Diskussionen bleibt, auch in kleineren Ausschüssen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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