Neue Generation Querdenker gesucht

Banken und Versicherungen bauen Stellen ab, brauchen aber dringend gutenNachwuchs. Branchenfremde haben Chancen

Anja Krüger Herbert Fromme

Herbert Fromme und Anja Krüger

Manchmal hilft nur noch beten. Wenn die Erde in Japan bebt, die Zinsen jahrelang auf Tiefststand bleiben oder sich uralte Haftpflichtverträge als damals untertarifiert und deshalb heute teuer erweisen, fühlen sich viele Manager bei Banken und Versicherungen machtlos. Dann können sie nur noch hoffen, dass ihr Unternehmen den Katastrophen halbwegs glimpflich entkommt und sich der Trend dreht.

Doch die enge Verbindung der Finanzwirtschaft mit dem Schicksal oder himmlischen Mächten war nicht der Grund dafür, dass der weltgrößte Rückversicherer Munich Re Eberhard Faust angestellt hat.

Faust ist promovierter Theologe und außerdem Geoökologe, zwei Berufe, die erstaunlich viel miteinander zu tun haben. Als Theologe untersuchte er den Epheser-Brief im Neuen Testament und den Achtungsverlust von Christen jüdischer Herkunft in der Zeit seiner Entstehung. Als Geoökologe erforscht er Klimaschwankungen und die Veränderungen von Naturkatastrophenereignissen. „Für beides sind eine große analytische Schärfe und ein moderner Methodenkanon erforderlich“, sagt der 54-Jährige.

Als junger Mann war er in der evangelischen Jugendarbeit tätig. Ursprünglich wollte er Jugendpfarrer werden. Aber er war auch immer schon an Naturwissenschaften interessiert und hat sich als Abiturient intensiv mit Meteorologie befasst. Noch während der Promotion in Theologie begann er mit dem Studium der Geoökologie in Bayreuth. werden. „Mein Ziel war es nicht, bei einer Versicherung zu arbeiten“, sagt er. „Ich wollte Theologie und Naturwissenschaft verbinden.“ Er spezialisierte sich auf Meteorologie und Hydrologie. Auf der Suche nach einem Arbeitgeber am Ende seines Studiums entdeckte er den Rückversicherer Munich Re. „Ich suchte eine Branche, in der Umweltthemen wichtig sind“, sagt er. Faust gab eine Initiativbewerbung ab – und wurde genommen.

Heute ist er einer von rund 30 Geowissenschaftlern bei der Munich Re. Er und seine Kollegen beobachten unter anderem Veränderungen in den Schadenereignissen und versuchen herauszubekommen, ob Naturkatastrophen tatsächlich intensiver und häufiger werden oder das nur so scheint, weil die versicherten Werte steigen. Zu ihrem Beruf gehört, eng mit Wissenschaftlern in Hochschulen und Forschungsinstituten zusammenzuarbeiten. „Unsere Aufgabe ist, am Pulsschlag der anwendungsrelevanten Forschung zu bleiben“, sagt er.

Die Finanzbranche braucht viele nur auf den ersten Blick fachfremde Spezialisten. Ärzte arbeiten bei privaten Krankenversicherern an Programmen für chronisch Kranke. Ehemalige Entwicklungshelfer konzipieren Agrarversicherungen für ärmere Länder. Ingenieure beraten Unternehmen bei der Schadenvorbeugung. Kapitäne befassen sich mit der Sicherung von Ladungen auf Schiffen, Kunsthistoriker begutachten Gemälde.

Die Musikwissenschaftlerin Sylvia Knittel wollte Dramaturgin werden – und ist es in gewisser Weise auch geworden. „Dramaturgen sind die Schnittstelle zwischen dem Regisseur und dem Publikum“, sagt die 48-jährige, die inzwischen die Pressestelle der Sparkassenversicherung in Stuttgart leitet. Als Pressesprecherin ist sie die Schnittstelle zwischen Unternehmen und Öffentlichkeit.

Sie hat in Tübingen, Hamburg und Wien Musikwissenschaften und Germanistik studiert. Statt ans Theater ging sie erst zu einer gesetzlichen Krankenkasse und dann in die Finanzbranche. „Ich habe meine Entscheidung noch keine Sekunde bereut“, sagt sie. Knittel schätzt die Abwechslung, die ihr Beruf mit sich bringt: heute die Vorbereitung eines Investorentreffens, morgen ein Artikel über eine Megafotovoltaikanlage für das unternehmenseigene Magazin und übermorgen die Begleitung eines Vorlesetags für behinderte Kinder, den die Auszubildenden der Sparkassenversicherung organisiert haben.

Seiteneinsteiger in Führungspositionen sind keine Seltenheit in der Branche. Die Biochemikerin Birgit König ist heute Chefin der Allianz Private Krankenversicherung in München. 1991 promovierte sie über ein komplexes Problem des Immunsystems. Die Arbeit war gut – aber König wusste bald, dass sie das nicht ihr Leben lang machen wollte. Im Institut lag eine Kladde mit den Adressen von Pharmafirmen, die man bei der Jobsuche anrufen konnte. Dort fand sich auch, fast als Fremdkörper, die Adresse der Unternehmensberatung McKinsey. König rief an und wurde eingestellt. Sie arbeitete ab 1993 als Beraterin bei McKinsey und wurde 2011 von der Allianz abgeworben.

Es sind solche Karrieren, die Eindruck hinterlassen. Andererseits tun Banken und Versicherer viel, um den Nachwuchs abzuschrecken. Die den Banken angelastete Finanzkrise, die Provisionsschinderei mancher Vertriebe, Banken und Versicherer, die immer wiederkehrenden Skandale sorgen für ein schlechtes Image. Der potenzielle Nachwuchs schreckt auch vor den oft undurchsichtigen Versicherungs- und Finanzprodukten zurück, vor den Provisionssystemen und der Angst, Dinge verkaufen zu müssen, die die Kunden überhaupt nicht benötigen.

Versicherer und Banken können sich den schlechten Ruf beim potenziellen Nachwuchs nicht mehr lange leisten. Sie brauchen die Jugend dringend. Das klingt auf den ersten Blick verwirrend – schließlich gibt es nach Ansicht von Branchenexperten in vielen Geldhäusern noch Rationalisierungsmöglichkeiten. Der Stellenabbau bei Banken und Versicherungsgesellschaften ist Realität. Und dass die Zahl der 250 000 registrierten Versicherungsvermittler nicht so hoch bleiben kann, bestätigt sogar ein großer Branchenverband. „Es gibt zu viele Vermittler“, sagt Michael Heinz, Präsident des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute. Möglicherweise werde die Vermittlerzahl bald auf 150 000 sinken.

Dennoch – gelingt es Unternehmen nicht, eine neue Generation als Mitarbeiter zu gewinnen, sieht ihre Zukunft düster aus. Denn heute werden andere Qualifikationen gebraucht als noch vor 20 Jahren. Keine Bank ist heute ohne ordentliches Online-Banking attraktiv; den Versicherern steht die digitale Revolution noch bevor. Die Auswirkungen der sozialen Netze auf die Geldhäuser sind bisher kaum abzusehen – in ärmeren Ländern hat das Zahlen per Handy die Bankkonten für viele Menschen bereits abgelöst.

Gewinner ist, wer die Kenntnisse über die neuen Möglichkeiten mit den traditionellen Werten guter Vermittler verbindet. Oliver Gaedeke, Vorstand beim Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Yougov nennt soziale Kompetenz, Geschäftssinn und Flexibilität als entscheidende Eigenschaften. „Die Vermittler müssen fähig sein, auf Änderungen im Kundenverhalten und im wirtschaftlichen Umfeld zu reagieren“, sagt er. „Gerade Quereinsteiger sind positiv überrascht von dem Berufsbild.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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