Kein Ende der Skandale

Die Versicherungswirtschaft steht vor einem Strukturwandel. Als Nebeneffekt ist jetzt schon sicher: Es werden mehr Skandale ans Tageslicht kommen.

Diesmal traf es zwar eine Bausparkasse, aber die Versicherungswirtschaft war trotzdem involviert. Der Bericht des „Handelsblatts“ über eine Kampagne der Bausparkasse Wüstenrot, Kunden zur Aufgabe von hoch verzinsten Bausparverträgen zu bewegen, schlug direkt auf den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft durch – denn dessen Präsident ist seit November Alexander Erdland, Chef der Gruppe Wüstenrot und Württembergische. Schnell war da die Parallele zu Umdeckungsaktionen von Versicherern gezogen. BaFin-Chefin Elke König sprach denn auch im Interview zu den Vorwürfen gegen die Wüstenrot vom „Vertrauensverhältnis von Versicherern und Versicherungsnehmern „, das gestört sei – obgleich es konkret um die Bausparkasse ging.

Die Versicherer werden garantiert auch 2013 mit einer großen Zahl von Skandalmeldungen zu tun haben. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens ändern sich die Medien. Viele Ereignisse, die es heute auf die Seite eins schaffen, wären vor 15 oder 20 Jahren von der Wirtschaftspresse kaum aufgegriffen worden.

Zweitens ist die Lebensversicherung durch die Niedrigzinsen entzaubert. In der Bevölkerung wächst der Verdacht, die Gesellschaften – und ihre Vermittler – steckten sich immer mehr Geld in die Taschen, während die Kunden mit sinkenden Überschussbeteiligungen abgespeist würden. Auch wenn das nicht den Tatsachen entspricht – wehren kann sich die Branche dagegen kaum.

Drittens, und das wird oft unterschätzt, steht die Versicherungswirtschaft vor einem gewaltigen Umbau der Vertriebssysteme. Ein klares Symptom dafür ist, dass AWD als Marke ausgedient hat. Wachsende Verkaufszahlen über Internet und Autohäuser wirken sich aus, der schwache Absatz von Lebensversicherungspolicen tut ein Übriges.

Viele Versicherer müssen darüber nachdenken, ob sie künftig ihre Außendienste ernähren können oder reduzieren müssen. Noch immer gibt es in Deutschland 255.000 registrierte Versicherungsvermittler. Sicher, das umfasst auch Nebenberufler. Doch Tatsache bleibt, dass die Zahl verglichen mit anderen Märkten sehr hoch ist.

Wenn aber in den kommenden Jahren 50.000 oder 100.000 Vermittler den Markt verlassen, ist die Saat für neue kräftige Skandalenthüllungen gelegt. Nur fünf Prozent müssen sich bei der Trennung vom Versicherer ungerecht behandelt fühlen –  das reicht, um zahlreiche Meldungen über skandalöse Vertriebspraktiken, Incentive-Reisen oder zweifelhaftes Vorstandsverhalten in die Redaktionen zu spülen. Schließlich war auch die Enthüllung der Budapest-Reise bei Ergo Ergebnis eines Streits zwischen dem Versicherer und früheren Vermittlern. „Dann gehe ich damit zur Zeitung“ ist keine leere Drohung.

Die Versicherer können sich kaum dagegen wehren, was die Altlasten aus Skandalen angeht. Für die Zukunft können sie aber rigoros die Einhaltung strikter interner Richtlinien zu Vertriebspraktiken und Reisen durchsetzen, bis hin zur frühzeitigen Trennung von Mitarbeitern, die sie verletzen. Und sie brauchen eine Managementgeneration, der die Öffentlichkeit den Neuanfang wirklich abnimmt.

Quelle: Capital.de


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